Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198059
Bildhauer. 
den Schultern der ersten; zugleich aber führte jeder von ihnen einen neuen 
Gedanken in die Kunst ein, dessen selbständige Verarbeitung und Durchbildung 
einem jeden erst seine bestimmte Stellung in der Geschichte der griechischen 
Kunst sicherte: so Skopas das Pathetische, Praxiteles das Reizende der äusseren 
Erscheinung, Lysipp die neue Proportionslehre u. a. In diesen bestimmten 
Kreisen berühren sie sich einander Wenig, vielmehr ist ein jeder eben auf die 
Entwickelung seines besonderen Princips bedacht. Die Frage nun, 0b die Be- 
deutung der pergamenischen Schule in ähnlicher KVeise auf der Einführung 
eines neuen Princips beruhe, lässt sich unter verschiedenen Gesichtspunkten 
auch verschieden beantworten. Es würde nicht schwer sein, nachzuweisen, wie 
alle Einzelnheiten der formellen und ideellen Behandlung dieser Gallier in Er- 
scheinungen der vorangehenden Zeit ihre Vorbilder haben, von denen der Künstler 
sie entlehnte, oder doch entlehnen konnte. Die an das Naturalistische streifende 
Behandlung der Haut, der eigenthtimliche Charakter des Haares erinnern uns 
an die Bestrebungen des Lysistratos und Lysipp. Für den scharf ausgeprägten 
Charakter des Kopfes können manche Portraits aus Alexanders Zeit als Vor- 
stufe gelten. Einen sterbenden Verwundeten hatte schon Kresilas gebildet, eine 
458 sterbende Iokaste Silanion. Für das Zusammenordnen einzelner Momente zu 
einem grösseren Ganzen lagen zahlreiche Reliefs als Vorbilder vor. In Hinsicht 
auf das Einzelne vermögen wir also ein neues Bildungsprincip nicht nach- 
zuweisen. Allein eben so wenig ist diese Schule die Fortsetzung einer einzelnen 
unter den vorangehenden; vielmehr könnte man sagen, sie sei die Fortsetzung 
aller früheren. Ihr Princip, sofern hier dieser Name überhaupt angewendet 
werden darf, ist der Eklekticismus, die kritische Auswahl des jedesmal Passendsten 
aus den verschiedensten Richtungen und die Anwendung desselben auf neue 
Aufgaben. Diese der pergamenischen Schule dargebotene neue Aufgabe aber 
ist es, welche derselben ihren ganz besonderen Charakter aufdrückt und sie 
als einen neuen Ansatzpunkt für weitere Entwickelungen erscheinen lässt. 
Griechische Schönheit noch vollendeter darzustellen, als es früher geschehen, 
war eine Unmöglichkeit. Die Gallierschlachten aber boten Gelegenheit, die 
Bildungsgesetze der griechischen Kunst auf fremde Völker einer weniger voll- 
kommenen Race anzuwenden, dieses Unvollkommnere durch die Vollendung 
des Bildungsgesetzes zu adeln und so der künstlerischen Thätiglaeit einen er- 
weiterten Wirkungskreis zu verschaffen. Diese Erweiterung ist aber keineswegs 
eine bloss äusserliche; sondern die neue Aufgabe musste ihrer inneren Natur 
nach, wie keine andere, von der Ideal- zur Charakterbildung führen. Denn wo 
eine absolute Schönheit nicht mehr zu erreichen war, da blieb die historische 
Wahrheit, die Schärfe und Klarheit der Charakteristik das höchste Ziel, welches 
überhaupt zu erstreben möglich War. Auf diesem Wege nun bildet die perga- 
menische Schule einen wichtigen Fortschritt in der inneren Entwickelungs- 
geschichte der Kunst, und gewinnt namentlich für die nachfolgenden Zeiten 
eine hohe Bedeutung. Zwar fehlen uns die Nachrichten, um ihren Einfluss so- 
fort und in ununterbrochener Folge nachzuweisen. Wäre es aber hier am Orte, 
die Kennzeichen derjenigen Kunstrichtung naher zu erörtern, welche wir als 
die eigentlich rölnische der Kaiserzeit anzuerkennen pflegen, so würde es sich 
zeigen, dass sie sich an keine enger, als an die pergamenische Kunst an-
        

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