Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198017
Bildhauer. 
bis tief in den Nacken herabgewachsen. Endlich zeigt der Kopf, in welchem 
der Barbarencharakter allerdings am bestimmtesten seinen Ausdruck finden 
musste, einen von dem griechischen gänzlich verschiedenen Organismus. Denn 
eben die Grundverhältnisse der Theile zu einander, Welche in dem rein grie- 
chischen Typus durch ihre strenge, man kann sagen mathematische Regel- 
mässigkeit dem vollendeten Ideale so nahe verwandt sind, erscheinen hier durcl1- 
aus verändert; und wir können nicht läugnen, dass gerade in denjenigen Formen, 
in Welchen das geistige Wesen vorzugsweise seinen Ausdruck findet, diehar- 
monische Entfaltung der Linien häufig gestört ist, Während dagegen weniger 
edle Theile eine hervorragende Geltung erhalten haben. 
Fragen wir uns nun, 0b alle diese Formen das sind, was wir unter schönen 
452 Formen zu verstehen pflegen, so kann die Antwort nur verneinend ausfallen. 
Eine schwielichte Hand, ein Fuss mit harter, schwielichter Haut, struppiges 
Haar, derbe, unedle Gesichtszüge können wenigstens nicht für besondere Schön- 
heiten gelten. Dennoch aber hat der Künstler gerade diese Züge der Natur 
mit Sorgfalt und auf das Feinste abgelauscht, und jede Einzelnheit mit vollem 
Bewusstsein dem Marmor eingeprägt. Hier lag nun für den Künstler allerdings 
 eine gefährliche Klippe verborgen, nemlich in groben Naturalismus zu verfallen 
und uns die Hässlichkeit und Rohheit der Barbarenbildung in voller Nackt- 
heit zu zeigen. Erregten ihm dagegen diese an sich unschönen Formen An- 
stoss, so drohte andererseits die entgegengesetzte Gefahr, dass er über dem 
Streben nach Schönheit den ganzen Charakter verwischte und an die Stelle 
wirklicher Barbaren ein Zwittergeschlecht von Hellenen und Barbaren setzte. 
Untersuchen wir daher, auf welche Weise der Künstler den richtigen Mittelweg 
zwischen diesen beiden Klippen gefunden hat, auf welchem allein es möglich 
wird, dass dem Beschauer die unschönen Einzelnheiten nicht als etwas un- 
angenehm Hässliches entgegentreten, sondern vielmehr als ein eigenthümliches 
Verdienst des Werkes erscheinen. Ich will nicht die griechische Kunst, wie 
man es versucht hat, in zwei grosse Hälften zertheilen, eine Kunst der Naivetät 
und eine Kunst der Reflexion. Aber wir mögen uns an jedes beliebige Werk 
der früheren Zeit erinnern, möge es aus naturalistischer Anschauung hervor- 
gegangen sein, wie bei Demetrios, oder möge es durch die lebendigste Be- 
obachtung der feinsten Züge,-wie bei Lysipp, mit der Wirklichkeit gewetteifert 
haben; immer mussten wir die Unmittelbarkeit der künstlerischen Anschauung 
anerkennen, welche sich mit unbefangenem Sinne den Erscheinungen des Le- 
bens hingab. An den Statuen der Gallier dagegen lässt sich die bewusste 
Ueberlegung in der Behandlung alles Einzelnen nicht verkennen; und ich stehe 
nicht an zu behaupten, dass der Künstler seine Aufgabe durch künstlerische 
Kritik, durch die auswahlende, sichtende Thätigkeit des Geistes, zu lösen 
versucht und wirklich gelöst hat. Weit entfernt, uns den ersten besten Gallier 
treu nach der Natur copirt (ocüroavdoojncy öyotov, wie es von Demetrios heisst) 
vorzuführen, sammelt er vielmehr zuerst sorgfältig aus einer Mehrzahl dieses 
Volksstarnmes die einzelnen Züge, welche allen gemeinsam sind, und in ihrer 
453 Gesammtheit diesem Volke erst seinen bestimmten Charakter geben. Freilich 
mussten alle diese Züge eben so viele Abweichungen von der reinen Schönheit 
sein. Aber auch diese Abweichungen, sei es dass sie auf die Verschiedenheit
        

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