Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197931
Bildhauer. 
Stelle der Wahrheit die Täuschung zu setzen. Das iucundum genus wird dem 
austerum vorgezogen. Man Will vor allem den Sinnen schrneicheln, Gefallen 
erwecken; und selbst da, wo jenes ruhige Behagen, jene natürliche Anmuth 
einer grösseren Erregtheit weichen muss, geschieht es nicht, um den Geist zu 
einer kräftigeren Thätigkeit anzuspannen, sondern um den einer Herrschaft des 
Geistes sich entziehenden Kräften der Leidenschaft freien Lauf zu lassen. Frei- 
lieh dürfen wir bei denjenigen Künstlern, welche zuerst auf diesem Wege zu 
440 Ruhm und Ansehen gelangen, noch nicht von eigentlicher Ausartung der Kunst 
sprechen; aber in ihrem Wirken liegen die Keime derselben, welche sich schon 
unter ihren unmittelbaren Nachfolgern, wie bei Lysistratos, Kephisodotos, voll- 
ständig entwickelt zeigen; und vielleicht ist es gerade diesem schnellen und 
scharfen Hervortreten zu verdanken, dass man die Gefahr erkannte, und, wenn 
 auch nicht in die alten Bahnen zurückkehrte, doch der völligen Ausartung 
durch Strenge und Selbstbeherrschung vorbeugte, wie wir in der folgenden 
Periode sehen werden. 
Dieses Urtheil, so hart es lautet, wird doch nicht ungerecht genannt werden 
können, sofern wir als Maassstab die höchsten Forderungen der Kunst annehmen, 
 wie sie in der Epoche des Phidias ihre Befriedigung gefunden hatten. Ganz 
anders muss es sich dagegen gestalten, sobald wir diesen Maassstab absoluter 
Vollkommenheit aufgeben und nach dem relativen Werthe fragen. Denn sehen 
wir von der Kunst der Zeit des Phidias ab, so vermag sich nichts anderes mit 
der des Skopas, Praxiteles, Lysipp zu messen. Keine andere Zeit erreicht sie 
in der Unmittelbarkeit künstlerischen Schaffens. NVir haben es nicht mit einer 
Kunst zu thun, welche sich mühsam aus dem Verfalls, wie von Sehnsucht nach 
einer vergangenen Herrlichkeit getrieben, wieder emporzuarbeiten strebt, sondern 
als unmittelbare Nachfolgerin und Erbin der glänzendsten Epoche, im Besitze 
aller Mittel der künstlerischen Darstellung, aus der Fülle des sie umgebenden 
Lebens heraus schafft, und, was dieses Leben wünscht und verlangt, künstlerisch 
gestaltet. Freilich ist, was diese Zeit bewegt, nicht an sich das Höchste und 
Erhabenste; aber sie ist reich in ihrer inneren und äusseren Entwickelung; sie 
bringt eine Fülle neuer Ideen und Anschauungen zur Geltung, verlangt die 
Befriedigung neuer Anforderungen und Bedürfnisse; und gewährt dadurch auch 
der Kunst reichen Anlass zu neuer vielseitiger Thätigkeit. Was diese aber er- 
greift, was sie zu leisten unternimmt, das leistet sie ganz; und wenn wir z. B. 
dem Lysipp eine hohe poetisch-künstlerische Genialität nicht zuzuerkennen ver- 
mochten, so mussten wir dagegen anerkennen, dass er durch seine Hingehung" 
an die Wirklichkeit in seinen künstlerischen Gestalten die äussere Erscheinung 
in ihrer vollsten Lebendigkeit erfasste und darstellte. Dagegen spiegelt sich in 
441 den "Werken des Skopas der ganze geistige Kampf, welcher diese Zeit erregt 
und in Spannung erhält, jener Kampf mit den Mächten des Geschickes, denen 
auch das freie Hellas unterliegen musste; während in den Bildungen des Praxi- 
teles die anmuthigste Entfaltung des griechischen Lebens verkörpert erscheint. 
Mag aber auch die Auffassung vielfach eine sinnliche, auf Aeusseres gerichtete 
sein, immer giebt sich der Künstler seinem Gegienstande ganz hin; dieser ist 
ihm der Zweck, welchem sich die Mittel der Darstellung unterordnen müssen, 
nach welchem sie sich überhaupt bestimmen; nicht benutzt er umgekehrt den
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.