Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197709
griechische 
Die 
Kunst in 
ihrem 
Streben 
äusserer 
nach 
Wahrheit. 
285 
hindert. Diese ihre Function und Bedeutung allein ist es, in welcher sie von 
der Kunst berücksichtigt und behandelt zu werden verdient. Einen bei weitem 
grösseren Anspruch aber macht sie in dem über der Natur geformten Abgüsse. 
Hier erscheinen alle Zufälligkeiten, und, weil sie ohne Bedeutung für Geist und 
Handeln der dargestellten Person sind, müssen sie in dem leblosen Stoffe weit 
unangenehmer und hässlicher wirken, als im Leben, wo sie im Flusse der Be- 
Wegung sich der Aufmerksamkeit mehr entziehen. Hier zeigen sich ferner 
eine Menge von Einzelnheiten, welche, ich möchte kaum sagen, für den ani- 
malischen Lebensprocess, sondern allein für das Vegetiren des Körpers Be- 
deutung haben. Da diese aber wesentlich durch den Stoff, die Fügung und 
Zusammensetzung, die Textur desselben bedingt sind, so müssen sie, in einen 
anderen Steif und in eine feste Form übertragen, einen von der Wirklichkeit 
sehr verschiedenen Eindruck hervorbringen. YVir erblicken im Abdrucke die 
Oberfläche des Körpers in Erstarrung und in Folge dessen Leben und Bewegung 
aller übrigen Theile gehemmt und ertödtet. Weit entfernt also, uns ein ge- 
treues und wahres Bild der vollen Persönlichkeit zu gewähren, bietet uns der 
Abdruck nichts als ein Abbild der Hülle derselben in ihrer äusserlichsten phy- 
sischen Beschaffenheit ohne Geist und Leben. Die künstlerischen Forderungen 
höherer Art bleiben daher sämmtlich unbefriedigt, und an die Stelle einer 
höheren Naturwahrheit tritt nichts, als was Plinius als Eigenthümlichkeit des 
Lysistratos hervorhebt: similitudines, eine Aehnlichkeit in den Einzelnheiten 407 
der äusseren Erscheinung, welche nur dem niederen Sinne als ein Verdienst 
erscheinen kann 1). 
Wir haben demnach die Bestrebungen des Lysistratos nicht anders als 
verfehlt nennen können. Dieses strenge Urtheil dürfen wir indessen vom ge- 
schichtlichen Standpunkte aus einigermassen mildern. Ich möchte es eine 
historische Nothwendigkeit nennen, dass sich die Richtung dieser ganzen Epoche 
auf äussere Wahrheit einmal bis zu ihrem Endpunkte entwickeln musste, um 
das Gefährliche derselben klar erkennen zu lassen. Diesen Versuch wagte Ly- 
sistratos; wohl aber ist es möglich, dass er es bei dem Versuche bewenden 
liess. YVenigstens iinden wir keine Spuren, dass man weiter an dem Gedanken 
festgehalten habe, einen Abklatsch der Natur an die Stelle der Kunstwerke 
Setzen zu wollen. Wohl aber scheint die Erfindung des Abformens über dem 
Leben .in anderer Beziehung einen nachhaltigen Einfluss ausgeübt zu haben. 
In der folgenden Zeit, in welcher die Gymnastik die hohe Bedeutung verlor, 
Welche sie früher für das gesamrnte Leben der Hellenen, und namentlich für 
die bildende Kunst gehabt hatte, war nun ein neues Hülfsmittel für das Studium 
des menschlichen Körpers gegeben, zwar nur ein schwacher Ersatz für das 
wirkliche, bewegte Leben; aber doch ein Ersatz, welcher der weniger aus leben- 
diger Phantasie, als aus ruhiger, allseitiger Ueberlegung schaffenden Kunst 
der folgenden Epoche wesentlich förderlich sein musste. Nanlentlißh möchte 65 
 1) Richtig bemerkt A. W. v. Schlegel (Sämmtl. W. IX, S. 161) über einige moderne, 
mit Hülfe des Abformens entstandene Büsten: „Frei1ich bekommt bei dieser Widerwärtigen 
Qperation der Mund etwas Gekniffenes, die ganze Miene wird peinlich, die fleischigen Par- 
tlen werden platt gedrückt u. s. w., so dass bei dem Nacharbeiten Leben und Bewegung 
gleichsam nur wie eine Schminke auf die todte Masse aufgetragen werden muss."
        

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