Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197683
Die 
griechische 
Kunst in ihrem 
Streben 
äusserer 
nach 
Wahrheit. 
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niss älter gewesen, als die des Erzgusses." Hierauf folgen bei Plinius die Nach- 
richten über die alten Plasten Damophilos und Gorgasos. Diesen ganzen Zu- 
sammenhang anzugeben, schien nothwendig, um zu zeigen, dass die drei letzten 
Wörtlich angeführten Sätze (von: „derselbe erfand ferner" an) sich nicht auf 
Lysistratos beziehen können; Denn wie darf man aus der Erfindung eines 
Zeitgenossen Alexanders etwas über das Alter der Plastik und des Erzgusses 
folgern? Wie öfter bei Plinius, so scheint auch hier die ganze Stelle über 
Lysistratos zuerst als Nachtrag an den Rand, und später ohne Rücksicht auf 
den Zusammenhang an einer falschen Stelle in den Text gesetzt worden zu 
sein. Die Erfindung des Gypsformens über Bildwerke fällt dadurch dem Butades 
zu, welcher sie zuerst zur Darstellung seiner prostypa und ectypa benutzen 
mochte; von da aber erscheint ihre Anwendung auf den Erzguss als eine durch- 
aus naturgemässe Entwickelung. Was endlich als von Lysistratos gesagt übrig 
bleibt, giebt nun einen vollkommen klaren und abgerundeten Sinn. 
Wir haben in der Kunst des Lysipp das Streben nach Wahrheit der 
äusseren Erscheinung gefunden. Stand dasselbe aber nicht vereinzelt, sondern 
War es in der gesammten Richtung des Zeitgeistes begründet, so kann es uns 
keineswegs überraschen, wenn einmal ein Künstler von diesem Strome sich bis 
zum Extreme fortreissen lässt, und ein vollkommenes Werk gerade dadurch zu 
liefern vermeint, dass er uns nur ein möglichst vollkommenes Abbild der Aussen- 404 
Seite der Dinge darbietet. Dieses Extrem ist durch das Verfahren des Lysi- 
stratos gegeben. Denn wenn auch Plinius von einem Nachbessern temendare) 
des über der Natur geformten Ausgusses spricht, so kann dasselbe, sofern die 
erste Arbeit überhaupt einen Zweck haben soll, doch nur bei Einzelnheiten in 
Betracht kommen, nicht auf ein vollständiges Durcharbeiten der gesammten 
Formen ausgedehnt werden. In dieser Weise aber die Formen der YVirklich- 
keit unvermittelt in ein Kunstwerk zu übertragen, das, müssen wir behaupten, 
widerspricht dem Wesen der Kunst selbst. Denn ein Kunstwerk kann über- 
haupt nur entstehen durch den schaffenden Geist des Künstlers. Freilich kann 
es scheinen, dass im Portrait der Künstler zunächst nur das in der Wirklich- 
keit Gegebene ohne Zuthat seines eigenen Geistes zur Darstellung zu bringen 
habe. Aber wie wir im Leben den Menschen nicht als ein anatomisch-physio- 
logisches Präparat betrachten, sondern in den Formen des Körpers eine be- 
stimmte, mit Leben und Geist begabte Persönlichkeit erkennen wollen, so machen 
wir auch an das Kunstwerk dieselben Ansprüche. Unter diesem Gesichtspunkte 
ist also die künstlerische Gestaltung der Form nicht eine reine Nachbildung 
dessen, was die YVirklichkeit zufällig darbietet, und darum etwas ihr Unter- 
geordnetes, Geringeres; sondern sie hat ihre selbständige Geltung und Berechti- 
gung neben der natürlichen Form. Da aber die Kunst nicht in Fleisch und 
Blut, sondern in einem unbelebten Stoffe bildet, so kann der Künstler Leben 
nur dadurch darstellen, dass er das Bild der darzustellenden, mit Leben und 
Geist begabten Personen in seinen eigenen Geist aufnimmt und es aus dein- 
selben wiederschafft in einem gegebenen Stoffe und nach den Gesetzen des 
Stoffes, in welchem er bildet. So kann und muss allerdings das Portrait in 
seiner höchsten Auffassung in einem gewissen Sinne ein Ideal werden, das 
Ideal der einen dargestellten Person, indem der Künstler in sein XVerk nur die
        

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