Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197523
Die 
Kunst 
griechische 
ihrem 
Streben 
nach 
äusserer 
XVahrheit. 
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in der Natur im Einzelnen beobachtet hat, in seinen XVerken wirklich darstellt. 
Es kann daher keineswegs gewagt erscheinen, wenn wir auch bei Lysipp die 
Möglichkeit eines ähnlichen Entwickelungsganges annehmen. Bringen wir aber 
damit die Scharte seiner Auffassungsgabe in Verbindung, so erklärt sich uns 
zuerst in der ungezwungensteniWeise, wie die argutiae operum custoditae in S81 
minimis quoque rebus gerade an den Werken des Lysipp besonders hervorge- 
hoben werden. Sie können in nichts anderem bestehen, als in denjenigen Fein- 
heiten, sei es der "Bewegung, sei es der Bildung einzelner Formen, in welchen 
häufig die feineren Eigenthümlichkeiten eines Charakters ihren besonderen Aus- 
druck tinden. Ihre consequente Durchführung aber musste nothwendig zu der 
von Quintilian gerühinten veritas führen, der Naturwahrheit, sofern sie auf einer 
treuen Nachbildung der Formen beruht, wie sie dem beobachtenden Auge 
erscheinen, nicht wie sie ihrem Wesen und ihrem Zwecke nach durch die Er- 
forschung ihres Bildungsgesetzes erkannt werden. Sie so bestimmt nur auf das 
Aeussere der Form zu beziehen, kann, wenn wir auf den blossen gramma- 
tischen Sinn des Wortes sehen, vielleicht gewagt erscheinen. Doch gewinnt  
diese Deutung ihre Bestätigung durch die Vergleichung analoger Erschei- 
nungen gerade in der Zeit des Lysipp. Namentlich ist in dieser Beziehung 
wichtig, was von seinem eigenen Bruder erzählt wird, er habe Portraits gemacht, 
indem er die Maske über den lebenden Körper in Gyps formte, und den daraus 
genommenen Wachsausguss nur einigermassen retouchirte. Hier sehen wir also 
das Streben nach veritas, in welchem ihm sein Bruder vorangegangen war, bis 
zum Extrem verfolgt. NVenn nun Lysipp sich nicht so weit verirrte, so werden 
wir dies zum Theil dem Einflusse zuschreiben müssen, welchen auf ihn noch 
die ältere Kunst, namentlich das Vorbild des Polyklet ausübte. Gerade wenn 
er als Autodidakt, wie wir vermutheten, vom Aeusseren und Einzelnen ausging, 
musste ihn die Geschlossenheit eines Systems, wie des polykletischen, besonders 
anziehen, weil er in ihm erkannte, wie hier das Einzelne im Zusammenhange 
erst Werth erhielt. Doch-konnte ihn dies noch nicht bestimmen, sofort aufzu- 
geben, was er an Erfahrungen durch eigene Studien gewonnen. Vielmehr musste 
er sich aufgefordert fühlen, in analoger Weise nach ähnlichen systematischen 
Grundlinien diese seine eigenen Erfahrungen zusammenzuordnen und zu ver- 
arbeiten. So erklärt sich, wie Lysipp den Doryphoros des Polyklet seinen Lehrer 
nennen und doch zugleich das ganze in diesem verkörperte System umstossen 
konnte, um ein anderes an dessen Stelle zu setzen, welches von jenem Streben 
nach veritas, dem Scheine der XVahrheit, als dem bestimmenden Grundtone 
ausging. 
Schliesslich aber dürfen wir doch auch die Zeit, in welcher Lysipp thätig 382 
war, nicht unberücksichtigt lassen. Denn mag ein Künstler auch noch so sehr auf 
die Kunst seiner Zeit einwirken, ja sie beherrschen, so ist er doch selbst wieder 
ein Kind eben dieser Zeit. Wie in der Periode des Phidias oder des Polyklet 
die Begriffe des xaldg xdyaädg noch zu einem einzigen verschmolzen waren, 
so erschien auch in der Kunst die körperliche Schönheit noch nicht getrennt 
von ehrbarer Zucht und Würde, von geistigem Ernst und Adel. Man wollte 
durch die Kunst erheben, begeistern, nicht bloß gefallen Die Zeit ClSS LySipp 
dagegen zog dem genus austerum das iucundum, dem decor die elegantia vor.
        

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