Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197475
Bildhauer. 
jenigen gegenüber, Welche der Ruhe doch nur in soweit geniessen, als dieselbe 
durch die möglichste Schonung der eigenen Kraft ohne Unterstützung von aussen 
erreicht werden kann, so lässt sich nicht verkennen, dass in ihnen auch jeder 
Schein einer Anstrengung noch weit sorgfältiger vermieden ist. Denn die bei 
der Bewegung betheiligten Kräfte erscheinen nicht nur für den Augenblick ausser 
Thätigkeit gesetzt, sondern in derjenigen Abspannung, welche ihnen sowohl 
von der vorhergehenden Anstrengung die vollste Erholung vergönnt, als für jede 
nachfolgende sich zu ergänzen und zu erneuen Gelegenheit bietet. 
Mehr noch, als in den Stellungen, zeigt sich aber bei Lysipp ein Abgehen 
von den Regeln des Polyklet in den Proportionen. Wir erhalten darüber aus- 
führliche Belehrung durch Plinius 1): „Zu der weiteren Ausbildung der Kunst 
F4 soll Lysipp sehr bedeutend beigetragen haben, indem er den Charakter des 
Haares ausdrückte, die Köpfe kleiner machte, als die Alten, die Körper schlanker 
und magerer, damit dadurch der Wuchs der Bilder höher erscheine. Die la- 
teinische Sprache hat keinen passenden Ausdruck für die Symmetrie, welche 
er auf das Sorgfältigste beobachtete, indem er auf eine neue, noch nicht da- 
gewesene Art die quadraten Statuen der Alten veränderte; und er pflegte zu 
 sagen, von diesen seien die Menschen gebildet, wie sie seien, von ihm, wie sie 
zu sein scheinen." Dieses Urtheil steht offenbar mit demjenigen, welches Pli- 
nius über Polyklet aus Varro anführt, im engsten Zusammenhange, und auch 
wir müssen des "richtigen Verständnisses wegen nochmals auf Polyklet zurück- 
kommen. 
Die Proportionen dieses Künstlers beruhten auf der Annahme eines mittleren 
Maasses. Er vermied das Plumpe, Schwere, aber eben so das Zierliche, Leichte. 
Seine Körper sollten durch ihr Gewicht einer freien, ungehemmten Entwickelung" 
ihrer Kräfte nicht hinderlich werden; aber eben so wenig sollte ihnen zu einer 
nachdrücklichen Aeusserung derselben das Gewicht mangeln. Die nachfolgende 
Zeit verlangte, Kräftigkeit mit grösserer Leichtigkeit gepaart zu sehen. Das 
Mittel, um zu diesem Zwecke zu gelangen, kann nach einem einfachen me- 
chanischen Gesetze nur darin gefunden werden, dass das Volumen der wirkenden 
Kräfte, hier also die Masse des Körpers, an Umfang verringert wird, aber trotz- 
dem zu einer gleich starken Aeusserung seiner 'I'hätigkeit befähigt bleiben muss. 
Diese Aeusserung beruht im menschlichen, wie im thierischen Organismus auf 
der 'l'hätigkeit der Muskeln. Sollte also nicht eine der beabsichtigten gerade 
entgegengesetzte Wirkung erreicht werden, so durfte der Künstler diese ihre 
Bedeutung nicht schmälern. Es blieb daher nur übrig, in der Anlage der Basis, 
auf welcher "die Muskeln sich bewegen, dem Knochengerüste, eine wesentliche 
Umgestaltung eintreten zu lassen. Einen ersten Versuch in dieser Richtung 
 hatte, wie wir früher sahen, Euphranor gemacht. Aber er laeschränlate sich, 
die Maasse der Brust und des Leibes in der Breite zu verringern und zusammen- 
zuziehen, was die nothwendige Folge haben musste, dass Arme und Beine, 
sowie der Kopf, wenn ihre Verhältnisse unverändert blieben, dem Auge zu gross 
und zu massig erschienen, als dass ihnen von der geschwächten Mitte des Kör- 
375 pers noch hinlängliche Kräfte der Bewegung zugeführt werden könnten, oder
        

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