Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197466
griechische 
Die 
Kunst 
ih rem 
Streben 
nach 
äusserer 
Wa hrl] eit. 
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näbert er sich sogar der Grenze des Alters, Welche den Mann vom Greise schei- 
det. Ehen so wenig beschränkt er sich auf die einförmigr ruhigen Stellungen, 
und namentlich seine Jagdscenen sind ohne lebhaft laewegte Figuren kaum 
denkbar. Nehmen wir dieses zusammen, so sollte man glauben, dass die Kunst 
desLysipp vor der des Polyklct sich durch den Charakter grossartiger Kraft 
und Gewaltigkeit ausgezeichnet habe. Allein hier tritt uns ein Zeugniss des 
Plinius 1) in den Vlieg, welcher von Euthykrates, dem Sohne und bedeutendsten 
Schüler des Lysipp, sagt: is constantiam potius imitatus patris quam elegan- 
tiam, austero maluit genere quam iucundo placere. Was kann aber wohl 
dieses austerum genus anderes bezeichnen sollen, als ein Zurückgeben auf den 
strengen Ernst der älteren Kunst, wie er bei Polyklet als decor bezeichnet wird? 
So erscheint also trotz grösserer und lebhafterer Aeusserungen von Kraft, trotz 
des gewichtigeren Alters mancher Gestalten die Kunst des Lysipp, der poly- 
kletischen und ihren unbärtigen, mässig' kräftigen Jünglingen gegenüber, als 
die elegantere, mehr Gefallen erweckende. Dieser Widerspruch kann seineiEr- 
klärung sicher nur darin finden, dass beide Künstler verwandte Gegenstände in 
durchaus verschiedener Weise auffassten und durchführten. 
Vergegenwärtigen wir uns daher zuerst polykletische Gestalten in ihrem 
äusseren Erscheinen. Ihnen eigenthümlich war es, dass der Körper auf einem 
Schenkel ruhete. Im Verhältniss zur früheren Zeit war diese Neuerung ein 
Fortschritt zu grösserer Leichtigkeit: an sich aber gewährt sie den Eindruck 
der Festigkeit und Sicherheit, der in sich abgeschlossenen Ruhe. Der Körper 
erscheint im vollkommensten Gleichgewichte auf kräftiger Grundlage aufgebaut. 
Zur Vergleichung damit bietet sich uns unter den lysippischen Werken vor 
allen der Apoxyomenos in der vaticanischen Nachbildung dar. Allerdings ist 
in diesem der Vortheil, welchen die fast vollständige Entlastung des einen Fusses 
für die Composition (larbietet, keineswegs aufgegeben; aber auch der andere Fuss 
ist nicht dermassen in Anspruch genommen, dass auf ihm das ganze Gewicht 
des Körpers zu ruhen schiene. Der Schenkel ist nicht einwärts gewendet, um 
den Körper gerade in seinem Schwerpunkte zu unterstützen, sondern er steht 
fast senkrecht; und es war nöthig, die Spitze des anderen Fusses ziemlich weit 
auswärts zu stellen, damit sie gegen das nach dieser Seite fallende Gewicht 
leicht einen Gegendruck zu äussern im Stande sei. Dadurch aber erscheint die 
ganze Stellung nicht als eine auf längere Ruhe berechnete, sondern nur als das 
zufällige Ergebniss des einen Augenblickes, welches im nächstfolgenden bereits 
einer Veränderung unterworfen sein kann. An der Stelle der Ruhe finden wir 
also Beweglichkeit, welche den Eindruck der Leichtigkeit erzeugt. Wo aber 
Lysipp vollkommene Ruhe darzustellen beabsichtigte, da liess er eben den Körper 
nicht in sich selbst ruhen, sondern schlug den von Praxiteles betretenen Weg 
ein, indem er die Füsse dadurch entlastete, dass er den Arm oder die Achsel 
zum Stützen des Oberkörpers in Anspruch nahm. Den Beleg liefert der pit- 
tische, sowie der mit ihm vollkommen iilaereinstimmende farnesische Herakles 
des Glykon. Mit der Anmuth praxitelischer Gestalten lässt sich die Haltung 
dieser Figuren allerdings nicht vergleichen. Betrachten wir sie indessen den- 

        

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