Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197453
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Bildhauer. 
soll Lysipp nicht Schüler eines anderen Künstlers, sondern ursprünglich Metall- 
arbeiter (aerarius) gewesen sein und den Muth, sich in der bildenden Kunst zu 
versuchen, erst durch eine Antwort des Nlalers Eupompos gefasst haben, welcher 
die Frage, wen unter den Früheren er sich zum Vorbilde genommen, dadurch 
beantwortet habe, dass er unter Hindeutung auf eine versammelte Volksmenge 
äusserte: die Natur selbst sei nachzuahmen, nicht ein Künstler. Lysipp war 
also Autodidakt. Allein ein Reichthum von Musterwerken griechischer Kunst 
stand schon vor seiner Zeit vollendet da; ihrer Anschauung und ihrer Einwirkung 
vermochte er unmöglich sich gänzlich zu entziehen. Darauf mag Varro 1) hin- 
deuten wollen, wenn er sagt: nicht die schlechten Beispiele der Früheren, son- 
371 dern ihr wahres künstlerisches Verdienst habe sich Lysipp zum Muster ge- 
nommen. Doch am besten belehrt uns darüber Lysipp selbst, indem er nach 
Gicero 2) den Doryphoros des Polyklet seinen Lehrer nannte. Sonach haben zur 
Bildung des Künstlers seine eigene Persönlichkeit, das Muster des Polyklet, und 
endlich als ein drittes Moment gewiss auch die ganze Geistesrichtung" seiner 
Zeit zusammengewirkt. 
Im Gegensatz zu Skopas und Praxiteles ist es gewiss von Bedetitung, 
 dass wir in Lysipp wieder einmal einen Künstler finden, welcher ausschliesslich 
in Bronze bildet. Denn ausser den Werken, bei welchen wir es besonders an- 
gemerkt haben, waren auch alle diejenigen, welche Plinius anführt, in diesem 
Stoffe gearbeitet. Hierin zeigt sich deutlich ein Anschliessen an das Vorbild 
des Polyklet und der ganzen argivisch-sikyonischeu Schule, von welcher, wie 
wir gesehen haben, der Marmor nur ausnahmsweise angewendet wurde. Dass 
Lysipp aber in seiner Jugend die Metallarbeit als Handwerk betrieb, werden 
wir für die spätere Künstlerlaufbahn nicht gering anschlagen dürfen. Das Prak- 
tische, rein Technische musste ihm dadurch geläufiger sein, als anderen Künst- 
lern, und diese Gewandtheit bewährt sich auch später in Ueberwindung der 
Schwierigkeiten, welche von der Bearbeitung kolossaler Figuren unzertrennlich 
sind. Auch die argutiae operum custoditae in minimis quoque rehus, welche 
nach Plinius a) eine Eigenthümlichkeit seiner Werke bilden, scheinen, selbst 
wenn sie wesentlich auf Feinheiten der Form beruhen, doch nicht ohne grosse 
Vollendung der technischen Durchführung bestehen zu können; und wie Poly- 
klet der Vollender der Toreutik heisst, so werden wir annehmen dürfen, dass 
auch auf diesem Gebiete Lysiplfs Streben gewesen sein wird, mit der Vortreff- 
lichkeit seines Vorbildes zu wetteifern. 
Die Gegenstände seiner Werke haben wir bereits unter verschiedenen Ge- 
sichtspunkten betrachtet. Hier müssen wir auf sie nochmals wegen ihres Ver- 
hältnisses zu denen des Polyklet zurückkommen. Wie dieser seinen Ruhm 
durch den Doryphoros und ähnliche jugendlich kräftige Gestalten begründete, 
so tritt auch unter den Werken des Lysipp eine ganze Klasse von durchaus 
verwandtem Charakter in den Vordergrund. Nur bewegte er sich in diesem 
372 Kreise nicht mit der Einseitigkeit, aus welcher die Alten seinem Vorgänger 
einen gelinden Vorwurf machen: in den Bildern des Herakles zeigt er die nuänn- 
liche Kraft in ihrer höchsten Entwickelung; in denen des Zeus und Poseidon 
Brut.
        

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