Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197355
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Bildhauer. 
wie um diesen Gegensatz der Kunst eines Skopas und Praxiteles recht offenbar 
 zu machen, auf einem und demselben Monumente vereinigt erscheinen. Den 
Ausdruck Diodors 1), Praxiteles habe dem Steine rd njg ilwxrfg rtdäi; bei- 
gemischt, werden wir hiernach nicht in seinem strengsten Sinne gelten lassen 
dürfen. Richtiger bezeichnet Plinius, worin das innerste YVesen aller dieser 
Gestalten des Praxiteles beruhe, wenn er sagt, in den Bildern der Matrone und 
der Buhlerin habe der Künstler diversos affectus ausgedrückt. Denn die Affecte 
scheiden sich nach Quintilian 2) in zwei Klassen: einerseits nemlich sei aiiectus 
die treffende Uebersetzung des griechischen rtciöog, andererseits erscheinen sie 
dem zfäog verwandter und könnten als mores, oder besser als morum quaedam 
proprietas bezeichnet werden. Cautiores voluntatem complecti quam nomina 
interpretari maluerunt: affectus igitur hos concitatos, illos mites atque compo- 
sitos esse dixerunt; in altero vehementer commotos, in altero lenes: denique 
hos imperare, illos persuadere; hos ad perturbationem, illos ad benevolentiam 
praevalere. Diese milderen Affecte, welche hier geschildert werden, bezeichnen 
3-57 vollkommen das Wesen praxitelischer Kunstgebilde. Es sind mehr Stimmungen 
als Leidenschaften, Welche hier verkörpert erscheinen: Stimmungen, welche Ge- 
 fallen erwecken (ad benevolentiam praevalere), sich beim Beschauer einschmeicheln 
(persuadere) sollen, und daher vorzugsweise geeignet erscheinen, den mensch- 
lichen Körper in der anmuthigen und reizenden Erscheinung zu zeigen, auf 
welche Praxiteles mit Vorliebe die Mittel seiner Kunst verwendete. 
Hier endlich ist der Ort, der Streitfrage des Atherthums nochmals zu ge- 
denken, ob die Niobiden ein YVerk des Skopas oder des Praxiteles waren. Eine 
bestimmte Entscheidung dürfen wir freilich den Zweifeln des Alterthums gegen- 
über uns nicht anmassen, wohl aber eine Vermuthung wagen, nachdem wir für 
eine Unterscheidung des Wesens beider Künstler festere Gesichtspunkte ge- 
wonnen haben. Was ihnen gemeinsam war, ist bereits angedeutet worden. 
Sie auch sonst zusammenzustellen, bot besonders auch die seit Phidias gänzlich 
veränderte Auffassung des gesammten Lebens hinlängliche Veranlassung. Sie 
sind ein Bild derselben, wie Phidias der seinigen, und schaffen für Griechen- 
land die Götter nach der Anschauungsweise dieser Zeit. Aber Skopas erscheint 
in höherem Maasse mit einer lebhaften Phantasie begabt, von poetischer Be- 
geisterung geleitet; seine Gestalten zeigen mehr das Abbild eines lebhaft, in 
seinem vollen Ganzen erfassten Gedankens, welchem die Form willig folgen 
muss: daher er auch im Stande war, den wandelbaren Moment einer auf das 
 Höchste gesteigerten Leidenschaft zu erfassen und festzuhalten. Praxiteles hin- 
gegen richtete seine Aufmerksamkeit zunächst auf die Erscheinungen des Körper- 
lichen und suchte aus ihnen zu entnehmen, was den Sinnen gefällig und an- 
genehm, Reiz und Anmuth hervorzubringen im Stande war. Heftige Leiden- 
schaften, tragische Geschicke bewirken aber gerade das Gegentheil hiervon. 
Sie regen auf; und wie sie den Geist in hohe Spannung versetzen, so müssen 
sie das ruhige Behagen des Körpers zerstören: der Körper muss von der Leiden- 
schaft, dem rrciäog überwältigt Werden. Das aber ist es gerade, was wir an 
den noch erhaltenen Statuen der Niobiden in so hohem Grade bewundern. Das 
Exc. 
Hoesch. 
XXVI,
        

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