Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197338
248 
Bildhauer. 
Die 
schiedenen Behandlung der Form überhaupt-geführt werden musste. Denn 
während die älteren Künstler durch den Bau des Knochengerüstes und die 
ganze Anlage der Muskeln, durch Welche alle Bewegung bedingt ist, die Form 
auch in ihrem äusseren Erscheinen bedingt sein liessen, richtete Praxiteles sein 
hauptsächlichstes Augenmerk auf eine naturgetreue Darstellung der Oberfläche 
des Körpers. Hierin liegt die veritas, welche Quintilian 1) dem Praxiteles, wie 
dem Lysipp, beilegt. Sie ist zwar von dem Naturalismus eines Demetrius, 
welcher mehr Werth auf Aehnlichkeit, als auf Schönheit legt, bestimmt zu 
unterscheiden. Aber eben so tritt sie der maiestas eines Phidias gegenüber, 
welcher in seiner idealen Richtung über die wirkliche Natur hinausgeht. Die 
veritas des Praxiteles hat es vielmehr mit einer Darstellung der Natur zu thun, 
wie sie erscheint, wie sie in dieser Erscheinung nicht sowohl auf den Geist, 
als auf die Sinne des Beschauers wirkt.  
354 Erst jetzt wird sich uns auch der tiefere Grund offenbaren, weshalb Praxi- 
teles, wie Skopas, dem Marmor vor der Bronze den Vorzug gab, weshalb er 
diesen Stoff auch mit grösserem Erfolge bearbeitete. Der Marmor entspricht 
nemlich durchaus dieser Behandlung der Form. Die spröde, undurchsichtige 
Bronze wird sich, wo irgend nur ein Streben nach Illusion sich geltend zu 
machen sucht, als unvortheilhaft erweisen; ihrem Wesen nach strebt sie viel- 
mehr, jede Form in ihren strengsten und feinsten Umgrenzungen darzustellen. 
Der Marmor dagegen, welcher wegen der Durchsichtigkeit seiner Oberfläche die 
feinsten Abstufungen von Licht und Schatten wiederzugeben vermag, ist eben 
dadurch geeignet, die Rundung und Fülle der Formen, die Verbindung der 
Flächen in leisen Uebergängen der Wirklichkeit oder vielmehr dem Eindrucks 
der WVirklichkeit täuschender nachzubilden, und die Form der lebensthätigen 
Theile, wie im Leben nur durch die Umhüllung der Haut, so seinerseits in dem 
Kunstwerke nur durch die Weichheit der Oberfläche durchschimmern und ge- 
wissermassen ahnen zu lassen. Dass aber Praxiteles wirklich den Marmor zum 
Zweck einer so täuschenden Naturnachahmung benutzte, lehren nicht nur die 
erhaltenen Werke, welche wir als Nachahmungen der seinigen anerkennen müssen, 
die Gestalten der Aphrodite und der Satyrn, sondern noch ganz besonders die 
Nachricht, der zufolge er auf die Färbung seiner Marmorstatuen den höchsten 
Werth legte. Denn wenn es sich dabei auch nicht um einen förmlichen male- 
rischen Effekt handeln konnte, so kann doch der Zweck dieser circumlitio kein 
anderer gewesen sein, als eben durch Unterstützung der Farbe beim Beschauer 
einen der wirklichen Erscheinung ähnlichen Eindruck, und da die Farbe doch 
nicht der Form, sondern nur dem Stoffe der Körper anhaftet, Täuschung, Il- 
lusion hervorzubringen. 
Wir haben es für nöthig erachtet, um das Wesen praxitelischer Gestalten 
in ihrer körperlichen Erscheinung uns deutlich vor Augen zu stellen, bis auf 
die technischen Eigenthümlichkeiten des Künstlers zurückzugeben. Um so mehr 
steht zu erwarten, dass auch nach der entgegengesetzten Richtung hin, da,'wo 
es sich um den Ausdruck von Geist und Gefühl handelt, die Eigenthümlichkeit 
des Künstlers sich in entsprechender Weise entwickelt zeigen wird. Wir blicken 
XII,
        

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