Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197321
in ihrenl Streben 
Kunst 
griechische 
Die 
nach 
äusserer 
Wahrheit. 
247 
gen Naturen eigen ist, Welche heiteren Lebensgenuss und lässige Musse einer 
angestrengten Thätigkeit vorziehen. Im Gegensatz zu der ernsten Würde und 
Strenge der älteren Kunstwerke aber verleiht die Anwendung dieses Motives 
den Gestalten den Charakter gefälliger Leichtigkeit und Anmuth. Dass Praxi- 
teles dasselbe nicht einseitig und ausschliesslich wiederholte, bedarf kaum einer 
Erwähnung, und wir selbst haben schon einmal, bei der nackten Aphrodite, 
darauf hingewiesen, wie dort in der Stellung alles vermieden ist, was auf sichere 
Ruhe hindeuten könnte. Hier wird vielmehr durch den Gegenstand eine grosse 
Beweglichkeit erfordert, und diese konnte, da die Figur trotzdem ihren Stand- 
ort nicht verändern sollte, nur da ihren Ausdruck finden, von wo aus überhaupt 
jede Bewegung ihre Regel empfängt, nemlich vom Schwerpunkte des Körpers 
aus. Dies ist der Grund, weshalb bei der Aphrodite (und, wenn auch in min- 
derem Grade, bei einem Eros, welchen man auf ein Muster des Praxiteles zurück- 
zuführen pflegt)1) sich das Streben zeigt, nicht durch Feststellen auf einen Fuss, 
sondern durch die Beweglichkeit der Hüften den Körper im Gleichgewicht zu 
erhalten. Der Eindruck, welchen dieses Biegen und Schwanken beim Beschauer 
hervorruft, ist aber auch hier wiederum der einer gefälligen Anmuth und Weich- 
heit. Hier müssen wir nothwendig auch auf die Schilderungen Lucians wieder 
zurückkommen. In ihnen ist wiederholt von Eurhythmie, von genau abgewo- 
genen Rhythmen die Rede. Die Bedeutung dieser Ausdrücke, namentlich auch 
ihr Verhältniss zu dem strengeren Princip des Metrum, der Symmetrie, ist schon 
früher erörtert worden. Gerade in diesem Gegensätze aber werden wir sie hier 
aufzufassen haben, nemlich als bestimmt, die Uebergänge zwischen den ver- 
schiedenen Formen zu vermitteln, sie in ein gefälliges, ansprechendes Verhält- 
niss zu setzen; und wir haben gesehen, dass darauf schon die ganze Anlage 
der Figuren des Praxiteles berechnet ist. Ganz besonders musste aber diese 
Bestimmung sich an denjenigen Theilen bethätigen, welche ihrem Wesen nach 
mehr zu einer solchen Vermittelung, als zu Trägern der Bewegung bestimmt 353 
sind. Und in der That wird an der Aphrodite gerade die Behandlung des 
Fleisches, die schöne, nicht übermässige Rundung, die Anfügung an den Knochen, 
besonders gerühmt. Wenn aber anderwärts?) die Arme als musterhaft an den 
Statuen des Praxiteles bezeichnet werden, so dürfen wir doch, 'um dieses Lob 
nicht falsch zu verstehen, gewiss mit vollem Rechte darauf hinweisen, dass 
so wenig, wie bei der Aphrodite, auch bei den jugendlich zarten männlichen  
Gestalten dieses Künstlers, ein freies kräftiges Muskelspiel passend erscheinen, 
dass Spannung und Elasticität der Muskeln ihren Charakteren geradezu wider- 
sprechen würde. Vielmehr mussten in diesen Gestalten noch andere, bei der 
Bewegung noch weniger in Anspruch genommene Theile eine bevorzugtere 
Beachtung finden: nemlich die Haut in ihrem verschiedenen Charakter von Fein- 
heit, Weichheit oder Derhheit, sowie die Fetttheile, welche zwischen Haut und 
Fleisch in grösseren oder geringeren Massen abgelagert sind und vielfältig die 
Uebergänge zwischen den einzelnen Massen für das Auge fast unmerklich 
machen. So sehen wir denn, wie durch sein Streben nach gefälliger Anmuth 
und Weichheit Praxiteles zu einer von der früheren Auffassung wesentlich ver- 
Müller 
Oest. 
Fig- 
145. 
Auct. 
Herenn.
        

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