Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197316
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Die 
Bildhauer. 
ein Bild der verfeinertsten Sinnlichkeit, gerade so wie er in der Beschreibung 
des Callistratus 1) als von Praxiteles dargestellt geschildert wird. Ja auch seine 
Begleiter, die Satyrn, welche früher ohne Ausnahme bärtig und mit vielfachen 
Zeichen ihrer halbthierischen Herkunft gebildet wurden, folgen ihm in dieser 
feineren Entwickelung. Wir brauchen nur jenen vom Flötenspiel ausruhenden, 
an einen Baumstamm gelehnten Satyr zu betrachten, von Welchem fast jedes 
bedeutendere Museum Nachbildungen aufzuweisen hat, um zu erkennen, wie 
hier von jener Abstammung kaum noch ein äusseres Zeichen übrig geblieben, 
die frühere Derbheit dem Ausdrucke sinnlicher Lust und sinnlichen Behagens 
gewichen ist. Freilich muss ich bei dieser Gelegenheit bemerken, dass ich 
351 keinen positiven Grund sehe, diesen Satyr für den Periboötos zu halten; ja ich 
kenne nicht einmal ein directes Zeugnis, welches ihn überhaupt dem Praxiteles 
beilegte. Doch diese Zweifel mögen gegen die Thatsache zurücktreten, dass 
für uns dieser Satyr in der That der Periboetos, der berühmteste unter allen 
seines Geschlechts ist, und dass seine ganze Bildung in allen Beziehungen dem 
Charakter praxitelischer Kunst entspricht. 
Wir haben bisher von dem sinnlichen Reiz der körperlichen Erscheinung 
 bei Praxiteles nur im Allgemeinen gesprochen. Fassen wir jetzt seine Gestalten 
einmal ihrer Anlage, ihrer Stellung nach ins Auge. Wir haben früher auf den 
Fortschritt aufmerksam gemacht, welchen Polyklet in dieser Beziehung bewirkte, 
indem er das Gewicht des Körpers nur von dem einen der beiden Schenkel 
tragen, den andern dagegen ganz unbetheiligt daran erscheinen liess. Praxiteles 
ging noch einen Schritt weiter. Er nahm den Füssen ilberhaupt einen Theil 
der Last ab, indem er durch das Auflehnen des einen Armes auf einen ausser- 
halb der Figur stehenden Träger dem Oberkörper eine neue Stütze verlieh. 
Als Beleg für diese Neuerung bietet sich uns zuerst wieder der an einen Stamm 
gelehnte Satyr dar, sodann der Sauroktonos. Noch stärker tritt das Princip 
derselben in den erwähnten Gruppen des Dionysos hervor, in welchen der Gott 
von seinen Begleitern unter beiden Schultern gestützt, ja fast getragen wird. 
Ausserdem verdanken wir diesem glücklich erfundenen Motive eine Reihe der 
anmuthigsteim Schöpfungen alter Kunst, so die bekannten Gruppen des Silen 
mit dem Dionysoskinde, vielleicht Gopien des Satyr, welcher „ploratum infantis 
cohibet", in der Curie der Octavia, dessen Urheber Plinius (36, 29) nicht anzu- 
geben weiss, der aber von den Neueren, wohl eben wegen des Motives seiner 
Stellung, für ein praxitelisches Werk gehalten wird; ferner die jungen flöten- 
spielenden Satyrn mit tibergeschlagenem Fusse u. a. m. Das Princip, auf 
welchem dieses Motiv beruht, ist nur die weitere Entwickelung desjenigen, 
welches dem „uno orure insistere" bei Polyklet zu Grunde liegt. Die Leichtig- 
, keit der Haltung wächst nemlich, je geringer das Maass der Kräfte ist, welches 
zum Tragen verwendet wird. Indem aber hier dem einen Fusse völlige Ruhe 
gegönnt, dem anderen ein Theil der Last durch das Aufstützen des Armes ab- 
352 genommen wird, erscheint der Körper zu jeder nach dieser Bube eintretenden 
Bewegung oder Anstrengung um so n1el1r befähigt. Der Eindruck, welcher 
hierdurch entsteht, ist der eines ruhigen Behagens, wie es vornemlich denjeni-
        

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