Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197295
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Bildhauer. 
Lobsprüchen zusammenhalten, welche den Werken eines Phidias, Myron, Polyklet, 
selbst eines Skopas ertheilt werden. Da. ist es die Gewalt der Idee, lebendigste 
 Naturwahrheit, schönstes Ebenmaass, die höchste Begeisterung, was die Bewun- 
derung hervorruft. Hier ist es, um es zunächst kurz auszudrücken, die rein 
sinnliche Erscheinung, welche durch sich selbst und allein Gefallenerwecken 
soll. Die ältere Idee einer Aphrodite Urania war aufgegeben; mit dem Gewande 
fiel auch die höhere geistige Auffassung; der Göttin; der Körper gewann eine 
selbständige, Wesentliche, ja durchaus überwiegende Bedeutung. Dass die Göttin 
dadurch sogleich zu einer Aphrodite Hetaera herabgesunken sei, soll indessen 
hiermit keineswegs gesagt sein; ja selbst, wenn der Künstler, wie erzählt wird, 
das Bild einer Phryne oder Kratine für seine Statue benutzt hat, dürfen wir 
348 dieselbe noch nicht mit Bildnissen dieser Hetaeren verwechseln. Die noch er- 
haltenen Darstellungen der Göttin, welche sich mehr oder minder in ihrer Auf- 
fassung an Praxiteles anschliessen, z. B. die capitolinische, zeigen nichts von 
üppiger Lüsternheit. Vielmehr ist in allen diesen Bildungen streng die Grenze 
eingehalten, innerhalb welcher die Darstellung; des weiblichen Körpers in völli- 
ger Nacktheit überhaupt gestattet zu sein scheint. Denn da natürliche Schaam 
 das Weib abhält, sich frei und offen zu zeigen, so sind überall für die Dar- 
stellung solche Momente gewählt, in welchen die Göttin sich allein, unbeobachtet 
glauben darf. Aber iselbst hier noch spricht sich die Furcht überrascht zu wer- 
den in allen Bewegungen, in der ganzen Haltung aus. Dem künstlerischen 
Gesetz gemäss ruht zwar der Körper auf dem einen Fusse; aber diese Ruhe 
ist keineswegs eine so sichere, dass sie nicht augenblicklich einer Bewegung 
zu weichen vermöchte, durch welche die geheimsten Reize der Göttin dem un- 
befugten Blicke entzogen würden. Nichtsdestoweniger behauptet in der ganzen 
Auffassung die körperliche Schönheit ein entschiedenes Uebergewicht; wir 
bemerken überall ein Wohlgefallen an dem sinnlichen Reize des weiblichen 
Körpers, an der weichen, zarten Form, wie sich dieselbe durch die Gunst der 
Natur gebildet hat, im Gegensatz zu dem Ernste der kräftigen, durchgearbeiteten 
Form, welche sich nur durch eine geregelte, angespannte Thätigkeit entwickelt, 
Welche nur der Träger eines höheren geistigen Ausdrucks ist. Und dass auch 
die Alten schon diesen Gegensatz in seiner ganzen Schärfe empfanden, lehren 
jene beiden Epigramme auf die knidische Aphrodite und die lemnische Athene, 
in denen Paris ein Rinderhirt gescholten wird, weil er den körperlichen Beizen 
der Aphrodite den Preis vor der geistigen Schönheit der Athene zuerkannt habe. 
Es fragt sich jetzt nur, ob diese Richtung auf sinnlichen Reiz der Kunst 
des Praxiteles charakteristisch ist, oder ob sie sich nur ausnahmsweise an einem 
einzelnen Werke zeigt. Das Erstere ist schon deshalb wahrscheinlich, weil 
Praxiteles gerade bei der knidischen Aphrodite von allem äusseren Zwange frei, 
' nach eigenem Ermessen und von seinem eigenen künstlerischen Gefühle getrie- 
ben, diese Auffassung gewählt hatte, wie aus der Erzählung hervorgeht, dass 
er sie den Koärn nur neben einer bekleideten zur Auswahl anzubieten wagte. 
349 Sodann werden wir hier auch die zahlreichen Wiederholungen dieser Göttin von 
der. Hand des Praxiteles in Anschlag bringen dürfen. Unter diesen war aller- 
 dings eine, eben jene koische, bekleidet. Dagegen wird z. B. das neben der 
Phryne zu Tespiae aufgestellte Bild gewiss in der Auffassung sich an das kni-
        

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