Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197196
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Bildhauer. 
ich möchte sagen, Abstraction festzuhalten, sondern vielmehr, es psychologisch 
aufzulösen, die verschiedenen in ihm ruhenden Kräfte und Eigenschaften in 
ihren Aeussertlngen, in Bewegung zu zeigen. Hier waren denn auch die Keime 
zu einer pathetischen Auffassung; in reichem Maasse gegeben; und die Werke 
des Skopas zeigen uns, dass er nicht nur dieselben, wo er konnte, benutzte, 
sondern dass er gerade da, wo er es that, am meisten als eigenthümlicher und 
selbständiger Künstler erscheint. Doch muss hier zum Schluss der Gegensatz, 
in welchen er dadurch zur früheren ethischen Kunst trat, noch etwas genauer 
begrenzt werden. Wie sehr er sich der letzteren in vielen seiner Schöpfungen 
näherte, ist bereits erörtert worden. Es fragt sich daher vielmehr, wie weit er 
334 sich von ihr entfernte. Vollkommen klar werden wir darüber freilich erst- dann 
urtheilen können, wenn wir das Pathos der späteren Zeit, welches ich hier ktirz- 
weg das thematische nennen will, genauer lfennen gelernt haben werden. 
Blicken wir indessen auf Hauptwerke des Skopas, wie die Meergötter, die Mae- 
nade, so kann uns die Erscheinung wenigstens nicht entgehen, dass das Pathe- 
tische bei ihm, wie lebendig es sich auch aussern mag, doch immer mehr in 
dem inneren Wesen der rlargestellten Geschöpfe, als in der einzelnen Handlung 
zu suchen ist, dass dieses Pathos also gewissermassen das ifäoq, den ursprüng- 
lichen Charakter derselben bildet, in sofern die Afficirung der Seele durch 
Leidenschaft oder Sehnsucht bei ihnen zu etwas Stetigem,_ ihr ganzes Wesen 
Erfüllendem, also zu ihrem, wenn auch nicht normalen, doch am häufigsten 
wiederkehrenden Zustande geworden ist. 
Erst jetzt wird es gestattet sein, über die technische und formelle Seite 
der Kunst des Skopas einige Vermuthungen auszusprechen. Denn ausdrückliche 
Zeugnisse darüber fehlen uns; und es bleibt uns daher fast nur übrig, aus der 
Natur der dargestellten Gegenstände Schlüsse zu ziehen. Dass ein NVerk, wie 
die Maenade, die vollste Kenntniss des menschlichen Organismus voraussetze, 
wurde schon bemerkt. YVenn nun dieselbe auch ohne eine vorzügliche Aus- 
führung" des Einzelnen durch die gelungene Auffassung des Ganzen von grosser 
Wirkung hättesein können, so hindert uns doch an der Behauptung, dass es 
in diesem Falle so gewesen wäre, theils das in der Beschreibung des Galli- 
stratus enthaltene Lob, theils die Berühmtheit des Künstlers tiberhaupt. Wir 
glauben daher wohl zu thun, ein Werk zur Vergleichung herbeizuziehen, welches 
wenn es auch nicht direct auf Skopas zurückgeführt werden darf, doch am besten 
deutlich machen wird, welche Art der Ausführung wir bei diesem Künstler vor- 
aussetzen dürfen: die Niobide des Museo Ghiaramonti 1). Auch in ihr herrscht 
die grösste Bewegung, und sie wird wie vom Sturme, nicht der Leidenschaft, 
sondern der Verzweiflung; fortgetrieben. Die Ausfithrungr ist vorzüglich, wie in 
wenigen anderen Werken. Worauf aber beruht in der Hauptsache diese Vor- 
 trefflichkeit? Wiederum nur auf der Hingebting des Künstlers, der sich durch- 
aus darauf beschränkt, das naturgemässe YValten der Kräfte der Beuregungr zu 
verkörpern. Denn es liesse sich unschwer nachweisen, wie hier jede Falte des 
Gewandes durch das Grundmotiv der gesamniten Bewegung, durch die Natur 
des Stoffes, und durch die Körpelform, von welcher sie sich ablöst, ihre bestimmte 
M us. 
Chiar.
        

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