Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197186
Die 
Kunst in 
griechische 
ihrem 
Strebel 
Wahrheit. 
äusserer 
nach 
233 
Sehen wir uns jetzt weiter unter den Werken des Skopas um, so würden 
namentlich die Niobiden einen Beleg für die Richtigkeit unserer Beurtheilung 
abgeben können, sofern sich hier schon die Gründe entwickeln liessen, weshalb 
wir sie lieber diesem Künstler, als dem Praxiteles beizulegen geneigt sind. In 
lninderem Grade werden wir ein pathetisches Element bei den Erinyen in Athen 
voraussetzen dürfen. Denn wenn auch Pausanias sagt, es sei nichts Schrecken- 
erregendes an ihnen zu sehen, so scheint dies doch dem Zusammenhange nach 
nur auf äussere Attribute, z. B. die Schlangen, welche Aeschylus ihnen beilegte, 
nicht aber auf den geistigen Charakter dieser düsteren und furchtbaren Göttin! 
nen bezogen werden zu müssen. Endlich wollen wir hinsichtlich des palatini- 
sehen-Apollo daran erinnern, dass die Alten poetische Begeisterung für eine 
Art Wahnsinn ansahen; und dass sich, dem entsprechend, in vielen der uns 
erhaltenen Bildungen des Apollo Githaroedus eine gewisse Schwärmerei aus- 
spricht, für welche Skopas in seinem Werke das erste Muster aufgestellt haben 
mochte.  Doch nähern iwir uns in diesen Werken bereits dem Punkte, in 
welchem die pathetische Richtung sich mit der früheren ethischen fast zu be- 
rühren, oder von ihr höchstens nur noch durch eine erhöhte, reizbarere Sinn- 
lichkeit zu unterscheiden scheint. So wird z. B. in der von Skopas zuerst ent- 
kleideten Aphrodite, in Eros, Pothos, Himeros das Liebesverlangen in seinen 
zarteren Abstufungen dem Beschauer vor Augen getreten sein. Eine Hestia 
dagegen konnte nach der Auffassung der Alten nur ein Bild der reinsten, in 
sich sichersten und abgeschlossensten Sittlichkeit sein. Es ist nicht nöthig, hier 
noch weiter in Einzelnheiten einzugehen. Denn schon jetzt muss sich uns die 
Frage aufdrängen: ob sich nach diesen Betrachtungen in den Kunstleistungen 
des Skopas noch ein einheitlicher Grundcharakter erkennen lasse? 
Wir werden diese Frage nicht beantworten dürfen, ohne den Zustand der 333 
Entwickelung zu berücksichtigen, zu welcher die Kunst in Skopas Zeit bereits 
vorgeschritten war. Phiolias hatte, von manchen technischen und formellen 
Dingen abgesehen, auf dem Gebiete des Geistigen und Idealen keine Vorgänger: 
er durfte also überall nur seinem künstlerischen Genius folgen, ja er musste 
überall etwas wesentlich Neues schaden. Nach ihm und durch ihn fand aber 
jeder Künstler schon etwas Gegebenes vor; und selbst ein Skopas, wenn ihm 
Aufgaben geboten wurden, deren geistige Lösung in den Werken eines Phidias 
schon vorlag, konnte daher nicht umhin, seine eigene künstlerische Individualität 
gewissermassen zu vergessen und als ein Nachahmer oder Nachfolger des Phidias 
zu erscheinen. Doch werden wir auch hier dem Skopas das Verdienst nicht 
absprechen dürfen, das Ideal mancher Göttergestalten, welche zu seiner Zeit 
noch wenig durchgebildet waren, erst unwandelbar festgestellt zu haben. Die 
wirkliche Eigenthümlichkeit des Künstlers werden wir indessen nur da zu suchen 
haben, wo seine Aufgaben eine von der früheren Zeit verschiedene Auffassung 
zulassen, oder die Aufgaben selbst wesentlich verschieden sind. Dies war zu- 
erst da der Fall, wo er den bisherigen Kreis der Darstellungen bedeutend er- 
weiterte, namentlich wo er einzelnen Göttern einen Kreis von Begleitern zuge- 
sellte. Ihre Gestalten mussten, wie die gesammte Tonleiter aus einem Grund- 
ton, aus dem Wesen und Charakter der einen Gottheit einheitlich entwickelt 
werden. Aber hier galt es nicht mehr, das Ideal derselben in seiner Ruhe und,
        

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