Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197176
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Bildhauer. 
Die 
ist. Auch für diese Art des Pathetischen liefern uns die Werke des Skopas 
einen Beleg: ich meine seinen Zug von Meergöttern und Seethieren. Zwar 
erwähnt Plinius denselben nur kurz; und wir dürfen kaum wagen, ein einzelnes, 
uns erhaltenes Werk bestimmt auf ein Original des Skopas zurückzuführen. 
Aber alle in diesen Götterkreis einschlägigen Gestalten tragen einen so einheit- 
lichen Charakter, dass wir wohl gerade dieses Gemeinsame auf den idealen 
Typus zurückführen dürfen, welchen Skopas in seinem so umfangreichen, wie 
331 berühmten Werke aufgestellt und auf die mannigfachste Weise durchgeführt 
hatte. Das Wasser und besonders das Meer hat in der Poesie aller Völker den 
Charakter der Schwermuth, der Sehnsucht. Wie es in der Natur wohl momen- 
tan ruhen, von jedem Hauche aber in leise Schwingungen, vom Sturm sogar 
in die wildeste Bewegung versetzt werden kann, ohne je zu einer festen Gestalt 
zu gelangen, so zeigt es sich auch, wenn ihm von der Poesie oder der Kunst 
Persönlichkeit geliehen wird. An ihr Element gebannt, streben diese Meeres- 
 gestalten stets nach Vereinigung mit den Geschöpfen der Erde. Bald mit weh- 
müthiger Klage, bald mit wilder Gewalt suchen sie dieselben zu locken, zu 
bezwingen; und nie wird ihre Sehnsucht auf die Dauer gestillt: nie verschwindet 
 daher auch dieser Ausdruck der Sehnsucht. Künstlerisch sehen wir denselben 
in den griechischen und den von ihnen abgeleiteten römischen Werken in klar- 
ster und sprechendster Weise durchgebildet. Vergleichen wir aber die ihm zu 
Grunde liegenden Formen mit denen der olympischen Götter eines Phidias, so 
lässt sich eine wesentliche Verschiedenheit im Grundcharakter nicht verkennen. 
Bei den Olympiern herrscht in dem Ausdrucke Klarheit und Ruhe, welche darin 
begründet sind, dass das Bestimmende des Charakters in denjenigen Theilen 
ausgeprägt ist, welche durch ihre feste Form den Zweck. haben, den weichen 
und beweglichen Theilen als Grundlage zu dienen, nämlich in dem Bau des 
Knochengerüstes, welchem die fleischigen Theile gewissermassen nur zur Um- 
hüllung dienen. Bei den Gestalten des Meeres dagegen treten gerade diese 
 letzteren in einer weit bestimmteren, durchaus selbständigen Geltung hervor. 
Namentlich der Mund und die weichen, das Auge umgehenden Theile offen- 
baren sich als der Sitz jenes Schmerzes und jener Sehnsucht. Haben wir nun 
in dieser neuen Behandlung der Form etwas Zufälliges, etwas Willkürliches zu 
sehen, für welches es keinen anderen, tieferen Grund gäbe, als die Subjectivität 
des Künstlers? In dem menschlichen Organismus, dessen Gesetze doch der 
Bildung auch dieser Wesen zu Grunde liegen müssen, sind Schmerz und Sehn- 
sucht nicht etwas nothwendig bleibend Vorhandenes, setzen deshalb auch keinen 
festen, in gewissen Formen verharrenden Träger dieser Seelenzustände voraus. 
Sie sind Leiden, nctdvy, welche vorübergehen, oder wenigstens vorübergehen 
können, ja sogar häufig und schnell in das Gegentheil umschlagen. Sie können 
332 daher nur in denjenigen Theilen zur Darstellung kommen, die zu einer solchen 
Beweglichkeit und Wand elbarkeit ihrer Natur nach geschickt und berechtigt sind. 
Das Verdienst der Griechen, und in dem vorliegenden Falle hauptsächlich das 
d_es Skopas, beruht also auch hier wieder wesentlich darin, dass sie, wo es galt,  
etwas Neues zu schaffen, immer wieder zum Urquell der Kunst, zur Natur, zu- 
rückkehrten, und das Gesetz, welches durch die Natur vorgeschrieben war, zum 
Gesetz der Kunst erhoben.
        

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