Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197165
Die 
griechische 
Kunst 
ihrem 
Streben 
äusserer 
nach 
WVahrheit. 
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Willkür nur die Beobachtung des Gesetzes schützen kann. Ist aber Leiden- 
schaft nicht ein Abweichen von dem gesetzmässigen Zustande? und ist es 
daher nicht ein Widerspruch, von der Darstellung der Leidenschaft Gesetzmässig- 
keit zu verlangen? Keineswegs. Die Leidenschaft, wenn sie nicht förmlicher 
Wahnsinn ist, hat ihr psychologisches Gesetz. Ihre Wirkung auf den Körper 
wird sich, gerade je heftiger sie ist, in desto schärferen, bestimmteren Zügen 
offenbaren, freilich nicht nach den ästhetischen Principien ruhiger Bildungen, 
welche alle Gegensätze vermitteln und durch Uebergänge ausgleichen, sondern 
nach dem Gesetze, welches dem Körper unabhängig vom Geiste inwohnt, dem 
Gesetze der sich bedingenden Gegensätze, des mechanischen Gleichgewichts der 
Kräfte. Denn wie es im menschlischen Körper keinen Theil giebt, welcher eine 
Bewegung bewirkt, ohne dass ein anderer Theil bestimmt wäre, dieselbe auf- 
zuheben oder im entgegengesetzten Sinne auszuführen, so giebt es auch keine 
Bewegung, welche nicht eine Gegenbewegung; voraussetzte, um vermittelst der- 
selben das durch die erstere gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen. Indem 
nun bei heftiger geistiger Erregung der Geist dem Körper nur den Antrieb zu 
einer gewissen Bewegung im Allgemeinen giebt, nicht aber jedes Glied derselben 
im Einzelnen, so zu sagen, überwacht und beschränkend regelt, so entwickelt 
sich dieser erste Anstoss in der gegebenen einheitlichen Richtung ungehemmt 
bis in die äussersten und feinsten Theile unter voller Entfaltung aller dabei. 
verwendbaren Kräfte. Aber stets darf diese Entwickelung nur bis zu der Grenze 
vorschreiten, welche jenes (iesetz der Natur gezogen hat, um, dort angekommen, 
sofort in die rückgängige, entgegengesetzte Richtung umzuschlagen. Und gerade 3:30 
je unwillktirliclier eine solche Bewegung, je einheitlicher der ursprüngliche An- 
stoss ist, desto schärfer und unmittelbarer wird sich das einfachste Gesetz des 
körperlichen Gleichgewichts bethätigen und dem Auge offenbar werden. Das 
ist auch der Grund, weshalb wir in leidenschaftlich bewegten Figuren sehr 
häung langen ununterbrochenen oder scharfgebrochenen Linien begegnen, die 
sich meist ohne Schwierigkeit geradezu auf ein mathematisches Schema zurück-  
führen lassen. Zu solchen Gestalten gehören aber gerade viele der uns in alten 
Kunstwerken erhaltenen Maenaden; und wir dürfen wohl annehmen, dass die 
des Skopas den übrigen als erstes und glänzendstes Vorbild gedient haben wird. 
Solche Gestalten zu schaffen, ist ein tiefes Verstandniss des menschlichen 
Organismus unumgänglich nothwendig; und wir werden dadurch unwillkürlich 
an dasjenige erinnert, was Myron auf diesem Gebiete leistete. Auf der anderen 
Seite jedoch muss uns der Hauch des geistigen Lebens, von welchem alle diese 
Bewegung ausströmt, auf Phidias zurückweisen; und wir möchten daher sagen, 
dass die Kunst des Skopas aus einer auf den Bestrebungen beider attischen 
Schulen gleichmässig weiterbauenden Entwickelung hervorgegangen sei, während 
jede einzeln für sich eine höhere Ausbildung nicht zugelassen hätte, als die- 
jenige, welche ihr durch Phidias und Myron bereits zu Theilgeworden war. 
Wir sind von einem einzelnen Werke des Skopas ausgegangen, weil uns 
in demselben das Pathos am lebendigsten vor Augen tritt. Aber nicht immer 
ist dieses ein so leidenschaftlich bewegtes; häufig- ist es gemäissigter, oder ruht 
sogar für den Augenblick gänzlich, erfüllt aber dennoch das ganze Wesen der- 
massen, dass sich selbst in der Ruhe erkennen lässt, welche Erregung möglich
        

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