Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197159
Bildhauer. 
einer bitteren Raserei. Es war das Gebilde einer Ziege, blässlich von Farbe. 
Denn auch die Gestalt des Todes suchte der Stein anzunehmen; und eines und 
desselben Stoffes bediente sich die Kunst zur Darstellung des Entgegengesetzten, 
des Lebens und des Todes, indem sie ihn einerseits belebt hinstellte und wie 
328 voll Verlangen nach dem Kithaeron, andererseits von bacchischer WVuth getödtet 
und im Hinwelken der Lebensblüthe. Skopas also, indem er auch unbelebte 
Dinge in Bilder verarbeitete, war ein Schöpfer der Wahrheit, und drückte in 
Körpern die Wunder der Materie aus     Und ihr werdet sofort erkennen, 
dass das vorliegende Bild auch seiner ursprünglichen Bewegung nicht ermangelt, 
sondern derselben mächtig ist, und in seinem bleibenden Ausdrucke den eigenen 
Schöpfer (d. i. den Enthusiasmus) fortwährend odenbart." 
Aeusserlich betrachtet haben wir es also hier mit einem Gegenstande voll 
der lebendigsten Bewegung zu thun, einer rasenden Maenade mit fliegenden 
Haaren, welche eine leblose, in der Wuth getödtete Ziege in der Hand trägt. 
Lobsprüchen, wie denen der Epigramme, dass das Bild davonspringen zu wollen 
scheine, sind wir schon früher einmal begegnet, bei dem Ladas und anderen 
Werken des Myron. Eine Hinweisung auf dieselben kann gerade hier sehr lehr- 
reich sein. YVir fanden, dass bei Myron der Ausdruck des rein physischen, 
animalischen Lebens, bis auf den Odem, welcher der Lippe entschwebt, vor- 
waltete. Eine höhere Thätigkeit des Geistes noch neben diesem Ausdrucke zur 
Darstellung zu bringen, wäre, wenn auch möglich, doch beinahe znreckividrig 
gewesen. Denn der Geist eines Ladas hatte sich nur eben darin zu bethätigen, 
dass er jenen physischen Kräften der Bewegung ihre Richtung, ihre Entwicke- 
lung bis zur höchsten Spitze gab. Mag nun auch, wie es bei der Maenade in 
der That der Fall sein musste, physiches Leben bis zur höchsten Erregung von 
Skopas zur Anschauung gebracht worden sein, so war doch sein Werk im 
innersten Grunde von dem des Myron verschieden. Hier behauptete nicht ein- 
mal mehr der Geist eine überwiegende Geltung, in sofern wenigstens nicht, als 
wir unter Geist diejenige Kraft verstehen, welche mit Bewusstsein auch in der 
lebendigsten Bewegung den ganzen Menschen beherrschen und ihm jenen ru- 
higen, sichern Halt geben soll, den nur eine erhöhte Sittlichkeit zu verleihen 
im Stande ist: jene innere Ruhe, welche die Griechen 1730;; nennen. ln der 
Maenade des Skopas ist Alles Leidenschaft, rrdäng. Diesen Uebergang zum 
Pathetischen müssen wir, je nach der verschiedenen Beurtheilungsweise, ent- 
weder als den Fortschritt bezeichnen, welchen Skopas in der griechischen Kunst 
bewirkt, oder wenigstens als das, was ihn von allen Früheren speciiisch unter- 
329 scheidet, wenn auch sein Vorangehen für die spätere Entwickelung; in vieler 
 Beziehung gefahrbringend erscheinen sollte. Denn allerdings liegt eine Gefahr 
darin, dass der Künstler sich leicht zu dem Wahne verlei-ten lassen kann, er 
müsse die heftige Erregtheit des Geistes durch ein Uebermaass körperlicher 
Bewegung, welches leicht in Verzerrung- übergehen kann, zur Darstellung bringen. 
Bei Skopas finden wir von einer solchen Ausartung noch keine Spuren, und 
wir dürfen daher nach den Gründen fragen, welche ihn davor bewahrt haben 
mögen.  
Der Begriff der Ausartung, der XVillkür setzt den Begriff des Gesetzes 
mit Nothwendigkeit voraus, und hierin liegt es schon, dass vor Ausartung,
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.