Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197145
Die 
griechische 
Kunst in ihrem 
Streben 
äusserer Wahrheit. 
nach 
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Wir fragen jetzt weiter nach dem besonderen Charakter dieser Bildungen. 
Anstatt indessen, wie bisher, vom Allgemeinen, Wollen wir jetzt Vielmehr vom 
Besonderen, von einer einzelnen Statue ausgehen, und den Maassstab, welchen 
wir durch dieselben gewinnen werden, an die übrigen Werke anzulegen ver- 
suchen. Wir wählen dazu die rasende Bacchantin. Die Epigramme über dieses 
Bild bestreben sich auszudrücken, dass dasselbe von der höchsten Aufregung 
gleichsam durchglüht War: Skopas, der Künstler, hatte seiner Bacchantin grössere 
Raserei verliehen, als Bakchos, der Gott selbst; er hatte dem Marmor Seele 
eingehaucht; das Bild schien über die Schwelle springen zu wollen. Ausführ- 
licher ist Callistratus. Zwar leidet seine Beschreibung in hohem Grade an 
rhetorischem Schwulst. Da wir indessen bei dem Mangel anderer Quellen von 
ihr bei der weiteren Beurtheilung des Skopas ausgehen müssen, so scheint es 
nothwendig; um einem Jeden die Prüfung unserer eigenen Auffassung zu er- 
leichtern, sie hier in ihrer ganzen Ausführlichkeit folgen zu lassen: 
„Nicht blos die Kunstwerke der Dichter und Redner athmen Leben, wenn 
Begeisterung von den Göttern sich auf ihre Zungen senkt, sondern auch die 
Hände der Bildner, von göttlicherem Hauche ergriffen, bringen Schöpfungen 
hervor, welche, so zu sagen, besessen und voll sind von Begeisterungsrausch 
(lzcevtag). So liess, wie von einem geistigen Hauche bewegt, Skopas dieses Er- 
fülltsein von Gott bei dem Schaffen des Bildes auf dasselbe übergehen. Warum 827 
erkläre ich euch aber nicht den Enthusiasmus über die Kunst von seinem An- 
fangspunkte an? Es war das Bild einer Bacchantin, aus parischem Stein ge- 
bildet, g-eurissermassen vertauscht mit einer wirklichen Bacchantin. Denn ob- 
wohl der Stein innerhalb seiner eigenthümlichen Natur verblieb, schien er 
doch die Schranke dieser Natur zu überschreiten. Denn was man vor Augen 
hatte, war wirklich nur ein Bild; die Kunst aber hatte die Nachahmung bis 
zur KVirklichkeit getrieben. Da hättest du sehen können, dass der Stein, ob- 
gleich an sich hart, sich selbst wie zum Abbilde weiblicher Natur erweichte, 
wenn lebhafte Erregung dieses Weibliche erfüllt; und, wiewohl nach Belieben 
sich zu bewegen nicht vermögend, doch bacchischen Taumel verstand und 
dem Gotte, welcher in sein Inneres gedrungen, zu antworten schien. Beim 
Anblicke des Antlitzes wenigstens standen wir sprachlos da: in so hohem Grade 
that sich Empfindung kund, trotzdem dass Empfindung nicht vorhanden sein 
konnte; und es sprach sich bacchischer Taumel einer Bacchantin aus, obwohl 
ein Ergiiiifenvverderl von Taumel nicht möglich war. Und alle die Zeichen, 
welche eine von Raserei gestachelte Seele an sich tragen kann, alle diese liess 
die Kunst durch eine unaussprechliche Verschmelzung durchblicken. Das Haupt- 
haar war gelöst, dem XVest zum Spiele, und zu blühendem Haarwuchs zerlegte 
sich allmählig der Stein. Was aber am meisten alle Voraussetzung übertraf, 
war, dass der Stein trotz seiner Härte sich der Feinheit des Haares fügte, und 
der Bewegung- der Locken treu folgte und, wenn gleich des lebendigen Wesens 
baar, doch Lebendigkeit besass. Man hätte behaupten mögen, dass die Kunst 
sogar noch eine Steigerung versucht habe; so unglaublich war, was man sah, 
und doch sah man, was sonst unglaublich gewesen wäre. Aber auch die Hände 
zeigte uns das Bild in Thätiglaeit: zwar schwang es niCht den bälCChiSChen 
Thyrsos, aber es trug ein Opferthier, als wolle es laut autjauchzen, als Symbol
        

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