Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197031
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Bildhauer 
Wesen zu sein. Es kann daher keinem Zweifel unterworfen sein, dass auf die 
verschiedenartige Entwickelung der attischen und argivischen Kunst die äusseren 
Verhältnisse, das Maass der dargebotenen Mittel, von einem sehr wesentlichen 
Einflüsse waren.  
Wir begannen die allgemeine Betrachtung dieser Periode mit der Hinwei- 
sung darauf, dass sich das gesammte künstlerische Leben um zwei ltlittellaunkte, 
Athen und Argos, gruppirt. Diese Erscheinung ist von der grössten Wichtigkeit, 
nicht blos, weil sie uns zeigt, wie mächtig; einzelne Geister zu wirken vermögen, 
sondern ganz besonders auch deshalb. weil sich dadurch hauptsächlich erklärt, 
die griechische Kunst, auch nachdem sie schon das Höchste erreicht, nicht zer- 
fällt, sondern in stetiger Fortentwickelung erscheint. Der Zusammenhang, die 
311 Herrschaft der Schule bewährt sich als das erhaltende Princip, welches das ge- 
wonnene Gute festhält und unzeitige Neuerungen schwerer Eingang finden lässt. 
So beschränkt sich die Schule des Myron, wie die des Polyklet, rücksichtlich 
des Stoffes fast ausschliesslich auf das Erz, während die übrigen Zweige der 
Sculptur in der Schule des Phidias ihre Ausbildung erhalten. Hinsichtlich der 
Form wirkt in Argos die Lehre des Polyklet; in Attika bleibt sie, wie bei Phi- 
 dias und Myron, der Idee untergeordnet. Selbst in der Wahl der Darstellungen 
bewahrt man gewisse Grenzen. Der Kreis derselben erweitert sich kaum wesent- 
lich über das hinaus, was schon in der Periode vor Phidias sich festgestellt 
hatte; nur dass die alten Formen von einem durchaus neuen Geiste belebt er- 
scheinen. Aber noch immer giebt es kaum Beispiele, dass ein Kunstwerk blos 
um seiner selbst willen, um damit nichts als eine rein künstlerische Aufgabe 
zu lösen, gearbeitet worden sei. Fast immer lässt es sich nachweisen, dass, 
ehe der Künstler Hand anlegte, der besondere Zweck schon bekannt war, für 
welchen er sein Werk bestimmte. Freilich scheint es vielleicht im Widerspruch 
mit der behaupteten Herrschaft der Schule zu stehen, dass die durch mehrere 
Generationen fortlaufenden Reihen von Schülern, wie z. B. die des Aristokles, 
des Kritios, welche noch aus der vorigen in die jetzige Periode herüberreichen, 
gerade jetzt verschwinden. Unter den Nachfolgern des Polyklet giebt es einige 
kurze Reihen; aber es scheint dieses keinen Unterschied zwischen den be- 
treffenden Künstlern und ihren Landsleuten zu bedingen. Von Phidias und 
Myron dagegen kennen wir nur Schüler, aber weiterhin nicht Schüler dieser 
letzteren. Wir mögen uns dies daraus erklären, dass bei dem weitverzweigten 
künstlerischen Treiben dieser Periode besondere Vortheile und Vorzüge in dem, 
was mit dem gewöhnlichen Ausdrucke als das künstlerische Machwerk bezeichnet 
wird, nicht lange mehr Eigenthum oder Geheimniss Weniger bleiben konnte, 
sondern Gemeingut werden musste, welches der Einzelne auch dann sich an- 
zueignen vermochte, wenn er nicht im engen Zusammenhangs mit einer be- 
stimmten Schule stand. Wo nun gar, wie in Athen, zwei unter gewissen Ge- 
sichtspunkten gleichberechtigte und gleich ausgezeichnete Schulen bestehen, 
da kann eine Wechselwirkung nicht ausbleiben. Deshalb verschwinden auch 
312 bei den Nachfolgern der Schüler des Phidias und Myron allmählig die Grenzen 
der durch dieselben begründeten Richtungen; und ihr Einfluss lässt sich, so 
sicher er auch noch ferner gewirkt haben wird, im Einzelnen nicht weiter ver- 
folgen.
        

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