Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197022
griechische 
ihrer 
Kunst in 
höchsten 
geistigen 
Entwickelung. 
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ein rein geistiger Begriff, oder ein aus dem Leben aufgenommener Moment 
einer Handlung. Die Argiver dagegen verfolgten vorzugsweise nur ein einziges 
Ideal, das Ideal der körperlichen Vollkommenheit, der schönen Form. Während 
daher bei den Attikern poetische Begeisterung und Phantasie als notlnvendig" 
vorausgesetzt werden müssen, um die ldee klar im Geiste anzuschauen und 
eben so klar aus dem Geiste wieder zur Darstellung zu bringen, beruhten die 
Vorzüge der argivischen Schule auf einem gründlichen Studium, auf dem künst- 
lerischen Wissen, welches auch in den Mängeln der wirklichen Erscheinungen 
die Regel, das Gesetz der vollkommenen Bildung zu erkennen, und dadurch 
den darzustellenden Gestalten den Reiz einer höheren Wahrheit zu verleihen 
vermag. 
Die inneren Ursachen des angegebenen Entwickelungsganges, so wie der 
strengen Scheidung der verschiedenen Schulen, möchte schwerlich jetzt jemand 
zu bestimmen wagen, namentlich so lange wir über die vorhergehende Periode 
nicht genauer unterrichtet sind. Den wesentlichsten Einfluss müssen wir immer 
den geistigen Eigenthümlichkeiten der Begründer dieser Schulen zuerkennen. 
Aber selbst wenn durch sie der Anstoss gegeben war, so durfte doch zu eine? 
naturgemässen Entwickelung auch eine günstige Gestaltung der äusseren Um- 
stünde nicht fehlen. Nehmen wir z. B. an, Phidias sei in einem kleinen, von 
Hülfsmitteln entblössten Staate aufgetreten, würde sich wohl sein Geist in seiner 
ganzen Gewaltigkeit haben entwickeln können? In Athen dagegen war, als er 
zu wirken begann, die Kunst zu einer Staatssache geworden. Für die gross- 
artigsten Schöpfungen fand er die Mittel bereit; ja die gebotenen Mittel mussten 
den Künstler zu grossartigen Schöpfungen sogar anfeuern. War hier der Er- 
folg ein glänzender, so kann es nicht auffallen, dass man anderwärts, wo man 
nach einer Verherrlichung der religiösen Heiligthünier durch die Kunst strebte, 
sich dorthin wendete, wo man die Aufgabe schon gelöst sah. So wandert die 
attische Kunst nach Olympia, ein anderer Zweig nach Delphi. Solches Glück 310 
ward der Kunst von Argos nur ausnahmsweise zu Theil. Nur einmal schmückt 
Polyklet einen Tempel, den der Hera, mit einem kostbaren Bilde aus Gold und 
Elfenbein; und wenn auch die übrigen Sculpturen dieses Tempels, wie die am 
Giebel und an den Metopen, zur gleichen Zeit entstanden, und einheimische 
Künstler daran beschäftigt gewesen sein mögen, so bleibt dieses eine vereinzelte 
Anstrengung, die der Staat Argos auf eine zufällige Veranlassung hin, den 
Brand des alten Tempels, machte. Sonst ist die Thätigkeit der Künstler von 
Argos fast immer Privatsache: es handelt sich um einzelne Bilder olympischer 
Sieger, um einzelne Götterbilder für unbedeutendere Staaten oder Städte. Ja 
selbst wo diesen Ktinstlern umfangreichere Aufgaben geboten wurden, zer- 
splittern sich dieselben ins Kleine. Einem Phidias z. B. wird die Gruppe von 
dreizehn Erzfiguren, das XVeihgeschenk wegen des marathonischen Sieges, einem 
Lykios eine andere der Apolloniaten von gleicher Figurenzahl allein und aus- 
schliesslich übertragen. An den neun Figuren des tegeatischen Denkmals da- 
gegen sind vier Künstler beschäftigt. Bei der Hauptgruppe des Weihgeschenkes 
von Aegospotamoi von eben so vielen Figuren ist die Arbeit unter fünf Künstler 
vertheilt; die zahlreichen Statuen der Bundesgenossen aber scheinen kaum eine 
geschlossene Gomposition gebildet zu haben, sondern einfache Ehrenstatuen ge-
        

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