Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1197013
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Bildhauer. 
Viergespanne des Aristides u. s. w., so sehen wir, dass auch in der Bildung 
von Thieren diese Schule nicht ohne Auszeichnung thätig war. Aber selbst 
hier suchen wir nach einem Werke, Welches die Bewunderung in so lebendiger 
Weise herausgefordert hätte, wie der Ladas, der Diskobol, die Kuh eines Myron. 
Sollen wir darum den Werth dieser Schule gering anschlagen? Ich glaube 
nicht. Denn was bisher gesagt wurde, sollte nur dazu dienen, uns auf den 
Weg zu einer richtigen Beurtheilung zu leiten. Ausdrückliche Zeugnisse kommen 
uns dabei nicht zu Hülfe. Doch werden wir schwerlich irre gehen, wenn wir 
jetzt die Frage aufwerfen: welchen Ausgangspunkt hatte die Schule von Argos? 
308 Die Antwort ist unzweifelhaft: die Persönlichkeit des Polyklet. Fast die Hälfte 
aller genannten Künstler sind nach dem ausdrücklichen Zeugnisse der Alten 
Schüler des Polyklet, die andere Hälfte arbeitet mit diesen Schülern gemeinsam, 
oder es sind Schüler der Schüler. Kein Einzelner unter ihnen ragt in solcher 
Weise hervor, dass er wieder als Begründer einer neuen Schule von eigen- 
thümlicher Richtung gelten könnte. Als das wesentlichste Verdienst des Po- 
lyklet haben wir aber oben hervorgehoben, dass er der Kunst eine theo- 
retische Grundlage gab, dass er durch Lehre nicht weniger, als durch seine 
Werke darauf hinarbeitete, jeder falschen Richtung", welche durch Unwissenheit 
oder durch willkürliche, wenn auch geistreiche Laune sich etwa hätte geltend 
machen wollen, allen weitergreifenden Einfluss abzuschneiden. Die Früchte 
dieses seines Strebens zeigen sich nun an seinen Schülern. Nicht geniale Kühn- 
heit, welche durch lebendige Wahrheit die Natur zum Wettkampf heraus- 
zufordern scheint, nicht gewaltige, grossartige Erhabenheit, welche sich über 
das Irdische zu erheben strebt, bilden das Wesen dieser Schule; wohl aber 
finden wir eine Reihe von tüchtigen Werken, correct und ohne Makel bis ins 
Feinste durchgeführt. Solchen Werken wird eine volle und lebhafte Anerkennung 
in der Regel nur bei Sachverständigen, bei Künstlern zu Tbeil. Der blosse 
Liebhaber freut sich daran, an der Reinheit, an der ungetrübten Schönheit, 
empfindet aber mehr ein stilles Behagen, welchem es schwer wird, Worte zu 
geben, weil dazu das blosse, auch noch so richtige Gefühl nicht ausreicht, 
sondern ein bestimmtes künstlerisches Wissen nothwendig ist. Diesem Um- 
stande mögen wir es zuschreiben, dass die "Werke dieser Schule weniger, als 
die freilich geistreicheren der Attiker, Bewunderer in Worten gefunden haben, 
in ähnlicher Weise, wie auch heute von manchen Werken, welche die Künstler 
mit Eifer und unablässig studiren, in den Büchern über Kunstgeschichte kaum 
ein Wort zu finden ist.  
Wir haben versucht, von den Eigenthümlichkeiten der attischen und ar- 
givischen Kunstschulen ein Bild in wenigen einfachen, aber möglichst klaren und 
bestimmten Zügen zu entwerfen; und sind dabei zu dem Ergebnisse gelangt, 
dass wir es im Wesentlichen nur mit der Fortsetzungr dessen zu thun hatten, 
was durch Phidias, Myron, Polyklet anerkannte Geltung gewonnen hatte. Wollen 
39 wir daher noch besonders auf das Untersclieidende dieser Richtungen aufmerksam 
machen, so haben wir kaum etwas anderes zu thun, als uns in das Gedächtniss 
zurückzurufen, worin wir das Unterscheidende jener drei Meister erkannt haben. 
Wir fanden bei den Attikern überall ein Vorwiegen der Idee. Die dargestellte 
Gestalt sollte zunächst einen bestimmten Gedanken aussprechen, sei dies nun
        

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