Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1196479
Bildhauer. 
Einer solchen Durchführung ist, wie wir schon früher bemerkt haben, der von 
Polyklet vorzugsweise gewählte Stoff, die Bronze, noch mehr als der Marmor, 
günstig. Die wenigen guten Bronzen, welche uns erhalten sind, genügen voll- 
kommen, um uns die Wahrheit dieses Satzes erkennen zu lassen. Ich erinnere 
Beispiels halber an den Dornauszieher des Kapitols, und wir werden es be- 
greiflich finden, wie die zwei würfelslaielenden Knaben des Polyklet von Vielen 
als das vollendetste Werk des Alterthums gepriesen werden konnten. 
Schliesslich wird eine Warnung nicht an unrechter Stelle sein, die Eigen- 
schaft der Sorgsamkeit nicht in der Richtung zu deuten, wie wir sie später an 
Kallimachos kennen lernen werden, nemlich als eine in das Kleinliche tiber- 
gehende Sorgfalt und gesuchte Zierlichkeit. Die Gefahr, dass es geschehe, liegt 
um so näher, als Polyklet vielfach als der Repräsentant einer specilisch zier- 
lichen und anmuthigen Kunst hingestellt worden ist, ganz im Gegensatz zu 
231 dem oben angeführten Urtheil des Dionys von Halikarnass. Die Gegenstände 
seiner Werke gehören zwar dem Kreise an, welchen wir als Genre zu bezeichnen 
pflegen. Aber sie sind durch die Auffassung geadelt: Polyklet ist ein durch- 
aus ernster und strenger Künstler. Hören wir nur Gicero 1), wo er von der Be- 
urtheilung des Kanachos, Kalamis und Myron zu Polyklet aufsteigt: er nennt 
seine Werke noch schöner, als die des Myron und schon ganz vollkommen, 
„wie sie mir wenigstens vorzukommen pflegen." XVas will dieser Zusatz sagen? 
Der Masse der Zeitgenossen des Cicero mundete nicht einmal ein Polyklet, er 
war zu streng und herbe. Ihr Geschmack war durch die zarten, weichen, zu- 
weilen fast üppigen Gebilde eines Praxiteles und seiner Nachfolger verwöhnt; 
und Cicero hält es daher für nöthig, sich ihnen gegenüber, so zu sagen, als 
Puristen zu bekennen. Polyklefs strenge Verhältnisse, sein ruhiger Ernst, die 
Würde seiner Gestalten erschienen dem verweichlichten Geschmacke nicht als 
Vorzüge, sondern als Zeichen einer antiquirten Kunstübung, welche mehr Acl1- 
tung, als Gefallen erregte, mehr gelobt, als geliebt wurde. Wir aber dürfen 
dieses Urtheil des Cicero um so weniger übersehen, je sicherer in dieser An- 
schauungsweise sowohl, als in den thatsächlichen Verhältnissen, auf welchen 
sie beruhte, die Veranlassung liegen musste, in allgemeinen Kunsturtheilen Po- 
lyklet mit Phidias zusammenzustellen. Denn sie waren die Vertreter der alten, 
strengen Kunst, welche die archaische Härte sowohl, als die gesuchte archaische 
Zierlichkeit abgestreift und die Darstellung der edelsten und reinsten Formen 
und Ideen an und für sich als Zweck hingestellt hatten, ohne daneben, wie die 
Späteren, dem blossen Reiz der Sinne eine selbstständige Berechtigung ein- 
geräumt zu haben. 
Erinnern wir uns nun noch einmal, von welchem Punkte wir bei den Er- 
örterungen über Polyklet ausgegangen sind. Es war der XViderspruch gegen 
die von Thiersch aufgestellte Meinung, dass zwei Polyklete, ein älterer Sikyonier 
und ein jüngerer Argiver, zu unterscheiden seien. Wir haben diese Ansicht 
nicht Punkt für Punkt, wie sie ihr Urheber zu begründen suchte, widerlegt. 
Denn da sie auf der Behauptung der Unverträglickeit der verschiedenen Nach- 
232 richten unter einander beruhte, so genügte es, den Beweis des Gegentheils zu 
Brut.
        

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