Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1196469
Die 
griechische 
Kun sf 
ihrer 
ichsten 
geistigen 
ickelung. 
Entw. 
161 
Ideal der Hera, ist es nicht Polyklet, dem wir dasselbe verdanken? ist es nicht 
ein Ideal, auf welches Beschränkungen, wie sie Quintilian dem Polyklet gegen- 
über macht: deest pondus, auctoritatem deorum non explevisse, keine An- 
Wendung finden? Allerdings, und ich will den Widerspruch nicht leugnen, in 
dem sich hier die Zeugnisse des Alterthums und, auf dieselbe gestützt, auch 
Wir uns zu befinden scheinen. Allein dennoch ist er nicht gross genug, um 
alles bisher Gesagte umzustossen. Wir finden in den Urtheilen der Alten P0- 
lyklet häufig dem Phidias zur Seite oder gegenüber gestellt. Bei Phidias 
herrschte die Gewalt der Idee überall, und je höher die Idee, desto mehr war 
das Werk davon erfüllt, während in minder erhabenen Aufgaben der Künstler 
Sich sogar mit geringerem Erfolge bewegte. Das Umgekehrte ist bei Polyklet 
der Fall. Von dem rein Menschlichen ausgehend blieb seine Kunst, wenn auch 
im schönsten Sinne menschlich; und nur ausnahmsweise ist es ihm gelungen, 
sich bis zur Idee der Gottheit zu erheben und ihr die ihrer Würde entsprechende 
Gestalt zu verleihen. Die Hera des Polyklet lehrt uns daher nur, dass auch 
eine, ich möchte sagen, kritisch-reflectirende Kunst in ihrer schönsten Entfaltung 
sich wohl zuweilen zu einer freien idealen Production erheben kann, keines- 
Wegs aber, dass es ihr gegeben ist, diese Höhe stets und überall zu erreichen. 
Es mag hier noch eine andere Erwägung Platz finden: ob nicht das Ideal 
der Hera dasjenige ist, welches unter allen Götteridealen der ganzen Kunst- 
richtung des Polyklet noch am verwandtesten ist. Es ist das Ideal der Weib- 
lichkeit in ihrer maassvollsten Entfaltung. Die Göttin ist nicht Jungfrau, nicht 
Mutter, sie ist Frau, Gattin, und zwar im strengsten, ernstesten Sinne, sich 
gleich bewusst ihrer Pflichten, wie ihrer Rechte, und deshalb von fast herbem 
Charakter. Zwar ist sie auch Königin und Gemahlin des Zeus, jedoch an Ge- 
Walt und Macht ihm nicht gewachsen, Ehrfurcht gebietend vielmehr durch den 
Ernst der Weiblichkeit, als durch wirkliche Kraft: also ein Musterbild der ehr- 
barsten WVürdigkeit und der reinsten Frauenschönheit. 
Im Allgemeinen bleibt also doch das Urtheil des Quintilian stehen, dass 230 
Polyklet ausgezeichneter in der Bildung der Menschen, als der Götter war, dass 
ihm für diese pondus, die Kraft, Gewaltiges zu schaffen, abging. Eben so wahr 
bleibt es, dass der Kreis seiner Darstellungen eng gezogen war, dass er mit 
Ausschliesslichkeit jugendlichen Bildungen sich zuneigte, und dass ihm jene 
vielgestaltige lebendige Naturwahrheit fehlte, welche Myron der Wirklichkeit 
abgelauscht hatte. Wenn trotzdem das Alterthum seinen Ruhm neben dem des 
Phidias verkündigt, so dürfen wir eine zweite Eigenschaft nicht übersehen, 
welche Quintilian ihm neben dem decor ausdrücklich beilegt, diligentia, Sorg- 
samkeit in der Ausführung. Zur Erläuterung dieses Lobes kann uns ein Aus- 
spruch dienen, welcher dem Polyklet selbst in den Mund gelegt wird, dass 
nemlich das Werk dann am schwersten werde, wenn der Thon (das Thonmodell) 
bis zum Nagel (bis zur Bearbeitung mit dem Nagel der Hand) gekommen sei 1). 
Das Lob des Quintilian bezieht sich also auf die feinste Vollendung und Durch- 
bildung, welche, nicht zufrieden, alle Verhältnisse aufs genaueste bestimmt zu 
haben, auch auf die reinste Darstellung jeder Form im Einzelnen bedacht ist. 
1 Plut. S'n1  U. 3; de rnfect. in virt. e. 
.5. P  
Brunn, Geschichte der griechischen Künstler. 2. Aufl,
        

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