Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1196438
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Bildhauer. 
Die 
dividualisirung keineswegs immer verlangt worden zu sein. S0 erkennen wir 
denn schon aus dieser Betrachtung eine künstlerische Persönlichkeit, Welche 
von der des Phidias in ihrem Grnndwesen gänzlich verschieden sein musste. 
Eine ausdrückliche Bestätigung dieser Ansicht gewähren uns aber auch die be- 
stimmten Zeugnisse des Alterthums, unter denen das des Quintilian 1), als das 
225 ausführlichste, hier voran stehen mag: „Sorgsamkeit und würdevoller Anstand 
finden sich bei Polyklet mehr, als bei allen Andern; aber, wenn ihm auch von 
einem grossen Theile die Palme zuerkannt wird, so meint man doch, um allen 
Theilen gerecht zu werden, dass ihm das Gewicht fehle. Denn wie er die 
menschliche Gestalt mit würdevollem Anstande über die Wahrheit hinaus aus- 
gestattet hat, so scheint er doch die Hoheit der Götter nicht in vollem Maasse 
erreicht zu haben. Ja er soll sogar das reifere Alter vermieden und nichts über 
glatte Wangen hinaus gewagt haben." Erwähnt wurde bereits, dass Polyklet 
in der Mannigfaltigkeit der Darstellung dem Myron nachstand. Dem Quintilian 
müssen wir freilich einen andern Zeugen gegenüberstellen, der beim ersten 
Blicke das gerade Gegentheil auszusagen scheint, den Dionys von Halikarnass 2). 
Derselbe vergleicht nemlich die Beredsamkeit des Isokrates mit der Kunst des 
Polyklet und Phidias hinsichtlich des Ehrbaren, Grossartigen und Würdevollen 
(xard rö osnvciv xai izsyahirsxvov xai dgtrayanzöv), während er den Lysias wegen 
der Zierlichkeit und Anmuth (njg Äenrönyrog ävezcc xai rrig Zctptrog) mit Ka- 
lamis und Kallimachos zusammenstellt. Diese seien glücklicher in weniger er- 
habenen, mehr menschlichen Vorwürfen (äv mfg äkcirruor xai civftpoamxoig äg- 
yorg), jene geschickter in den höheren und göttlicheren (äv roIg nsiägom mt 
Üstoräpoig). 
Betrachten wir diese beiden sich scheinbar widersprechenden Zeugnisse 
ohne Vorurtheil, so wird uns das des Quintilian als mehr in Einzelnheiten ein- 
gehend und in sich abgerundet, eine grössere Gewähr seiner Wahrheit bieten 
müssen, als das des Dionys, welcher mehr im Allgemeinen die Richtung der 
Kunst eines Phidias und Polyklet mit wenigen Worten bezeichnen will, während 
Quintilian gerade noch auf das Unterscheidende zwischen diesen beiden Künst- 
lern aufmerksam macht. Denn er fügt hinzu, dass Phidias besitze, was an 
Polyklet vermisst werde, nur mit dem Unterschiede, dass Phidias für einen be- 
deutenderen Künstler in der Bildung der Götter, als der Menschen, gehalten 
werde. Ferner aber dürfen wir das Urheil des Dionys nicht, wie es meist ge- 
schehen ist, ganz absolut für sich und ausser dem Zusammenhänge betrachten, 
226 sondern wir müssen den Gegensatz hervorheben, in welchem es ausgesprochen 
ist; Den Gegensatz zu Ernst, Erhabenheit und Würde bildet aber hier Zier- 
lichkeit und Anmuth. Spricht nun Quintilian dem Polyklet die ersteren Eigen- 
schaften ab? Ich glaube nicht: denn nicht Zierlichkeit und Anmuth, sondern 
decor führt er als das eigenthümliche Kennzeichen der Kunst des Polyklet an, 
d. i. einen ernsten, ehrbaren Anstand, gleich entfernt von allem Weibischen und 
1) XII, 10, T. Diligentia a0 docor in Polyrcleto supra ceteros, cui quamquam a ple- 
risque tribuitur palma, tamen, ne nihil (letrahat-ur, deesse pondus putant. Nam ut humanae 
formae decorem addidcrit supra verum, ita. non explevisse deorum auctoritatem videtur. 
Quin aefateln quoque gravioreln dicitur refugisse, nihil ausus ultrn leves genas. 2) De 
Isoer. p. 95 Sylb.
        

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