Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1196417
Bildhauer. 
die übrigen Glieder erst ihre Bewegung erhalten. Ebenso mochte aber auch 
ihre Breite und Kräftigkeit zu jener Bezeichnung als quadrater Staturen leicht 
Veranlassung geben. 
Niemand wird das Verdienst leugnen wollen, welches sich Polyklet durch 
die Aufstellung seines Kanon um die Kunst erworben hat. Durch die wissen- 
schaftliche Begründung mussten die Resultate seiner Studien Allgemeingut 
292 werden und mancher Verirrung der Kunst von vorn herein hemmend in den 
YVeg treten. Aber eben so wenig dürfen wir uns verhehlen, dass solche Nor- 
malproportionen, wenn sie ausschliesslich angewendet werden, dem Ausdruck 
der Individualität vielfachen Abbruch thun müssen. Dass Polyklet von dieser 
Einseitigkeit nicht frei war, lehrt das schon angeführte Urtheil des Quintilianj; 
und nur durch eine solche Auffassung werden wir den Wiiderspruch lösen können, 
welchen man in einem Urtheil (des Varro) bei Plinius 1) hat finden wollen. 
Während nemlich das Alterthum das Verdienst des Polyklet um die Propor- 
tionen auf alle Weise hervorhebt, heisst es dort von Myron: er sei numerosior 
in arte quam Polycletus et in symmetria diligentior. Wir müssen hier auf einen 
Ausdruck Lucian's zurückkommen, wonach ein Tänzer, gleich dem Kanon Poly- 
klet's, äpicsrpog oixgtßcdg sein soll. Die Maasse seines Körpers nemlich sollen sich 
innerhalb der festen Normen und Gesetze bewegen, welche wir aus den voll- 
kommensten Bildungen der Natur als allgemeingültig; aufstellen, indem wir sie, 
wie in der Poesie das Metrum, auf mathematische Verhältnisse zurückführen. 
Wie aber in der Kunst der Rede die Prosa das ägpvänuv und äyicerpov, als der 
Poesie eigenthümlich, sogar absichtlich vermeiden, trotzdem aber auf das sü- 
pväiulv und sünsroov ihre Aufmerksamkeit richten muss 2), so muss sich auch 
in der bildenden Kunst jenes normale Maass nach der verschiedenen Thätigkeit 
eines Körpers und nach den auf ihn einwirkenden Einflüssen modificiren, je- 
doch auch hier, je nach der Stetigkeit dieser Einflüsse, wieder nach bestimmten, 
in geringerem Umfang geltenden Gesetzen. Auf ihrer Beobachtung nach den 
mannigfaltigsten Richtungen beruhte aber, wie wir schon früher nachgewiesen 
haben, das Verdienst des Myron, während bei Polyklet überall das Streben nach 
allerdings an sich vollkommneren, reineren Verhältnissen, aber auch in mehr 
einseitiger Weise, hervortritt. 
Für die formelle Seite der künstlerischen Thätigkeit des Polyklet müssen 
wir endlich noch eine Nachricht des Plinius in Betracht ziehen: es sei eine 
Eigenthümlichkeit seiner Statuen, dass das Gewicht der Körper auf einem 
Schenkel ruhe: proprium eius est ut uno crure insisterent signa excogitasse. 
223 Da Plinius sagt, die Art dieser Stellung sei eine Neuerung des Polyklet, so 
hat auch hier Thiersch geglaubt, an einen älteren Künstler dieses Namens denken 
zu müssen, indem diese Neuerung älter als die Zeit des Phidias sei. Das Bei- 
spiel indessen, welches er zum Beweise der letzten Behauptung beibringt, die 
sogenannte Barberinische Muse, der Apollo Citharoedus in München, ist übel 
gewählt. Denn dieses Werk gehört gewiss vielmehr der Epoche der griechischen 
Kunst in Rom, als der Zeit des Ageladas an. Dass übrigens von Bildsäulen 
in ruhiger Stellung, nicht von bewegten Gestalten die Rede sei, behauptet 
Vgl. 
Dion. 
comp. 
Verb. 
Sylb.
        

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