Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1196312
Bildhauer. 
reinigt ist. Noch mehr aber liegt in diesem Ausdrucke der Begriff der Schärfe, 
der Präcision. Wir Verlangen dxgißsta namentlich vom Gesetzgeber und vom 
Richter. Denn da Gesetz und Recht die Grundpfeiler aller staatlichen Ordnung 
sind, so muss das Gesetz scharf, fest und bestimmt umrissen, das Recht in der 
 schärfsten, strengsten Anwendung des Gesetzes ertheilt werden. Fassen wir das 
Wort in dem Urtheile über Phidias in der gleichen strengen Bedeutung, so ge- 
winnen wir dadurch einen schönen Gegensatz zu dem nsyalsiov. Das Gross- 
Vartige der Idee setzt auch Grossartigkeit der Form voraus. Aber gerade in dem 
Streben nach dieser schwindet leicht die Feinheit und Schärfe, und macht einer 
mehr massigen, theils zu schwülstigen, theils zu verschwimmend weichen Be- 
handlung Platz. Als Beispiel dafür mag uns ein berühmtes YVerk dienen, 
welches lange als ein Muster des grossen, hohen Styles gegolten hat: der Herakles- 
Torso des Belvedere. Und wer wollte auch jetzt noch die Grossartigkeit der 
Anlage läugnen? Aber vergleichen wir ihn nur mit dem Ilissos oder dem so- 
genannten Theseus des Parthenon, so wird sich Niemand des Eindrucks er- 
wehren können, dass die einzelnen Formen, namentlich in ihren Begrenzungen, 
der Schärfe und Bestimmtheit entbehren, dass die elastische Spannung, das 
Hlebensvolle Ineinandergreifen der Muskeln fehlt, und an die Stelle kräftiger 
Fülle häuiig Geschwollenheit und Gedunsenheit getreten ist. Alles aber, was 
hier mangelt, das finden wir im höchsten Grade der Vollendung an jenen Fi- 
guren des Parthenon. Hier meinen wir wirkliches Leben zu schauen, hier 
glauben wir im Stande zu sein von jedem Theile nach seinem Zwecke, nach 
seiner Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen uns volle, klare Rechenschaft zu 
geben. Wir bewundern, wie sich diese Figuren, gleich einer tadellosen Pflanze 
aus dem Saamenkorn, aus der Idee des Künstlers entwickelt haben. Da sind 
keine üppigen Auswüchse, aber eben so wenig irgend eine Dürftigkeit be- 
merkbar, sondern alles äg n) duptßäorarov seinem eigensten Wesen, seinem 
innersten Zwecke entsprechend. Wir loben nicht Einzelnes, die Symmetrie, die 
P3 Eurythmie, die Proportionen: wir finden diese Vorzüge alle vereinigt, aber keinen 
in so hervorstechender Weise erstrebt, dass dadurch die Darstellung der Ideen, 
die harmonische Entfaltung derselben nach allen Seiten hin hätte beeinträchtigt 
werden können. Die Reinheit der Formen war nicht etwa, wie in dem Kanon 
des Polyklet, selbst Zweck, sondern nur das Mittel zur Erreichung eines höheren 
Zweckes. Gerade durch dieses Einhalten bestimmter Schranken, welches alle 
dem vorgesetzten Zwecke fremden Reizmittel absichtlich verschmäht, erhalten 
wir den Eindruck einer höheren Wahrheit, und gerade dadurch macht sich diese 
Wahrheit, weil ohne störenden Beigeschmack, nur um so bestimmter und reiner 
fühlbar. 
Wenn wir sonach das Wesen der Formenbildung bei Phidias in dem Unter- 
ordnen der Form unter die Idee erkannt haben, so wie in der Erfüllung; aller 
der Forderungen, welche von Seiten der ldeailljildung an die Form gestellt werden 
können, so ist damit natürlich nicht ausgeschlossen, dass auch in seinen Werken 
manche Einzelnheiten durch den hohen Grad ihrer Vollendung die Bewunderung 
des Beschauers noch besonders herausfordern konnten. Und in der That bleiben 
uns noch einige solche Lobsprüche zu betrachten übrig, die sich indessen keines- 
wegs als im Widerspruch mit unserer obigen Auffassung befindlich, vielmehr
        

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