Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1196305
Die 
griechische Kunst 
ihrer 
ichsten 
geistigen 
Entwickelung. 
145 
chischen Portraits wirklich der Fall ist, doch den Charakter des rein Mensch- 
lichen im Gegensatz zum Göttlichen nicht abstreifen kann und darf. S0 bietet 
uns denn Phidias die wunderbare Erscheinung dar, dass, wo er in einem 
Zweige der Kunst minder Vollkommen erscheinen sollte, der Grund nicht in 
mangelnder geistiger Befähigung, sondern in der zu grossen Gewalt und Er- 
habenheit seines Geistes zu suchen ist. 
YVir haben geglaubt, die Grösse des Phidias im poetischen Schaffen zu- 
erst und mit besonderem Nachdruck hervorheben zu müssen. Aber der Genius 
mag noch so gewaltig, seine Ideen mögen noch so erhaben sein: um ihnen Ge- 
stalt zu verleihen, ist die gründlichste Kenntniss dieser Gestalt selbst die erste, 
durch nichts Anderes zu ersetzende Vorbedingung. 
Dass nun die Alten gerade dieser Seite des künstlerischen Verdienstes bei 205 
Phidias verhältnissmassig so Wenig Erwähnung thun, berechtigt nicht, ihm das- 
selbe abzusprechen. Im Gegentheil kann uns eben dieses Schweigen den Be- 
weis liefern, dass diese Vorbedingung in ihrem höchsten Sinne erfüllt sein musste; 
in dem Sinne nemlich, dass, wo die Idee, wie bei Phidias, künstlerische Ge- 
stalt angenommen hat, auch die höchste Vollendung der Form nicht als ein 
selbstständiges Verdienst hervortritt, sondern nur als ein Ausfluss der Ideen 
selbst erscheint. Und in der That bewundern wir an den aus seiner Werkstatt 
hervorgegangenen Gestalten vorzugsweise nicht sowohl einzelne Schönheiten, 
als die ganze Schöpfung. Denn nicht die Natur nachgebildet, ihr nach- 
geschaffen hat Phidias. Die neuere Naturwissenschaft betrachtet es als einen 
ihrer schönsten Triumphe, dass es ihr gelungen, aus den fossilen Resten ur- 
weltlicher Thiere uns die Natur derselben mit wissenschaftlicher Sicherheit wieder 
vor Augen zu führen, diese Thiere in der Idee wieder zu schaffen. Sie bildet 
ex ungue leonem. Aehnlich Phidias: denn er ist es, auf den die Entstehung 
dieses Sprüchwortes zurückgeführt wird, indem er einzig aus der Klaue be- 
stimmte, wie der ganze Löwe, dem sie angehörte, erscheinen musstel). Mag 
diese Erzählung immerhin das Gepräge einer Anekdote tragen: für die Art und 
Weise, wie Phidias die Natur anschaute, legt sie uns ein gewichtiges Zeugniss 
ab. Denn sie liefert uns den Beweis, dass Phidias, wie er vermöge seiner idealen 
Richtung darauf hingewiesen war, Gestalten von einem vollkommenen, makel- 
losen Organismus zu schaffen, so auch bei dem Studium der Form vor Allem 
den organischen Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen in's Auge 
fasste. In welcher bestimmten Weise sich nun dieses Studium in den Werken 
des Phidias oifenbarte, bezeichnen die Alten mit einem einzigen Worte. Dio 
Chrysostomus 2) lässt den Phidias sagen, er unterscheide sich von seinen Vor- 
gängern xard rljti oixotßezav 127g; rtotijoscog, und in dem schon oben angeführten 
Urtheile des Demetrius 3) wird als Kennzeichen der NVerke des Phidias ausser 
dem iteyaksiov, der Grossartigkeit, auch rö dxotßäg. äyoc hingestellt. Wir ver- 
mögen diesen Ausdruck mit einem XVorte nicht zu übersetzen. "Zierlichkeit 207 
der Ausführung im Detail" ist eine Uebertragung, welcher gerade n) räxgtßäg 
abzugeben scheint. Eher könnte man von Sauberkeit der Ausführung sprechen, 
in sofern wir (larunter eine solche Verstehen, welche von allem Ungehörigen ge- 
n. 54. 2) Or. XII, p. 
griechischen Künstler. 2. 
1) Lucian. Herm( 
Brunn, Geschichte der 
210. 
Aufl.
        

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