Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1196297
Bildhauer. 
Diese Eigenschaften schliessen natürlich Schönheit und Anmuth nicht aus, son- 
dern setzen eine gewisse Art derselben sogar voraus. So wird von Dio Chry- 
sostomus 1) die xotptg 117g räxvrjg am Zeus bewundert, und ein dem Sylla er- 
theiltes Orakel i) verbindet n) xcEÄÄog mit dem itäyeäog als Eigenschaften dieses 
Werkes. Die lemnische Athene endlich erhielt sogar von ihrer Schönheit einen 
Beinamen. Aber gerade bei diesem Werke werden wir daran erinnern müssen, 
 dass der Begriff der Schönheit ein sehr schwankender ist, der je nach den ver- 
schiedenen Standpunkten sehr Verschiedenes bezeichnet. Es sind uns zwei 
Epigramme 3) erhalten, welche einen und denselben Gedanken in nur wenig 
veränderter Fassung aussprechen: wer die knidische Aphrodite des Praxiteles 
sehe, der werde den Ausspruch des Paris über die Schönheit der Göttin für 
gerecht halten; betrachte man aber dann die Athene des Phidias, so müsse 
man den Paris einen Rinderhirten schelten, dass er an solcher Schönheit kalt 
vorübergegangen sei. Die Zusammenstellung dieser beiden Meisterwerke ge- 
währt uns den richtigen Maassstab, um die besondere Art der Schönheit in den 
NVerken des Phidias näher zu bestimmen. Die Aphrodite des Praxiteles war 
sinnlich schön, so dass sie auch auf den roheren, wenig gebildeten Beschauer 
reizend wirkte; bei der Athene des Phidias leuchtete aus der körperlichen Form 
die geistige Schönheit hervor; um diese aber zu würdigen, wird auch bei dem 
Beschauer ein gebildeter Geist mit Nothwendigkeit vorausgesetzt. Dieses Streben 
nach geistiger Schönheit im Gegensatz zur sinnlichen spricht sich aber bei Phi- 
205 dias selbst in der Wahl der Gegenstände aus. Ausser dem Zeus, dem erhabensten 
der Götter, ist es besonders Athene, die Göttin vorzugsweise geistiger Kräfte, 
welche er in seinen Werken verherrlicht. Zwar kennen wir auch mehrere Bilder 
der Aphrodite von Phidias; allein selbst wenn wir nicht davon unterrichtet wären, 
dass die liebreizende, nacktgebildete Göttin einer nachfolgenden Entwickelungsl 
periode angehörte, so könnte uns schon die Bezeichnung als Aphrodite Urania, 
die bei zweien dieser Bilder wiederkehrt, hinlänglich darüber belehren, dass 
der Künstler die Göttin in ihrer würdigsten Gestalt und nach ihrem erhabensten 
Begriffe aufgefasst hatte 4). In entgegengesetzter Weise können wir zu der 
gleichen Bemerkung durch die Amazone des Phidias geführt werden. Sie war 
ein vorzügliches Werk, Lucian rühmt an ihr einige Theile als besonders muster- 
haft, und sie musste zu seiner Zeit sogar ein Lieblingsstticl; der Kenner sein. 
Dennoch ward nach Plinius Erzählung Phidias in der Amazonenbildung von 
Polyklet übertroffen. Es war eben der Gegenstand nicht einer so erhabenen 
geistigen Auffassung; fähig, wie sie der innersten Natur des Phidias, ich möchte 
sagen, Bedürfniss war; das Ideal, welches überhaupt hier erstrebt werden durfte, 
war mehr ein Ideal körperlicher Vollendung. Dieses Verhältniss steigert sich 
natürlich noch mehr bei blosser Portraitbildung, welche, wenn auch das Bild 
des Darzustellenden noch so geistig gefasst wurde, wie es bei vielen der grie- 
1) Or. XII, p. 209. YTgI. p. 215 die Stelle, wo es heisst, dass das ganze Wesen des 
Zeus, Majestät, Ernst, und doch wieder Milde, Friede u. s. w. in dem Bilde des Zeus aus- 
gesprochen sei. 2) Plut. Syll. 17. 3) Anall. I, p. 262, von Hermodor; III, p. 200, n. 248. 
4) Die Erzählung beim Schol. Greg. Naz. (ap. (Jraisford Cata]. Mss. Clark. p. 36), dass der 
Anblick der Aphrodite des Phidias den Beschauer zu Wollust reize, beruht auf Missver- 
ständniss, oder ist spätere Erfindung.
        

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