Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1196259
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Bildhauer. 
und nach dessen Aehnlichkeit er seine Kunst und seine Hand gelenkt habe. 
Dieses Bild ist aber, wie sich im Verfolg der Rede ergiebt, nichts Anderes, als 
die platonische Idee, von welcher Plato sagt, sie entstehe nicht, sondern sei 
immer vorhanden, und werde ratione et intellegentia, in der Vernunft und der 
Erkenntniss, bewahrt. Was es also auch sei, worüber auf methodischem Wege 
verhandelt werden solle, (oder, auf unsere Untersuchung angewendet, was in 
künstlerischer Weise zur Anschauung gebracht werden soll,) das sei immer auf 
die letzte Form und das Urbild (species) seines Genus zurückzuführen. Welches 
aber ist diese letzte Form und dieses Urbild eines griechischen Gottes, eines 
Zeus, über Welche hinaus nichts Höheres, nichts Vollendeteres gedacht werden 
kann? Der Gott ist der Träger eines geistigen Begriffes. Aber, wie Dio Chry- 
sostomus den Phidias sagen lasst: kein Bildner oder Maler kann den Geist an 
sich darstellen. Wir nehmen daher unsere Zuflucht zu dem menschlichen Körper 
als der Hülle des Geistes. Aber der menschliche Körper ist nichts Absolutes, 
nichts Vollkommenes; er ist fortwährendem Wechsel unterworfen, er gehört 
einem Kinde, einem Greise, einem Manne, einem Weibe an; und in jedem 
dieser Alter oder Geschlechter kann er sich einem Absoluten, einer Idee nähern. 
Auch die griechische Gottheit ist nicht eine einzige, der Gottbegriff ist in eine 
199 Reihe von Begriffen und Persönlichkeiten zerspalten. Die Kunst hat also einer 
Reihe von Ideen durch den einzigen menschlichen Körper Gestalt zu verleihen. 
Um dies aber zu vermögen, ist es nöthig", dass sie die Natur zum Vorbilde 
nehme, nicht in den einzelnen Erscheinungen des Lebens, sondern in den Ge- 
setzen ihrer Bildungen. Wir sagten, der Körper sei die Hülle des Geistes; aber 
der Geist übt auch seine YVirkung auf den Körper, und dieses Wirken findet 
in bestimmten Formen des Körpers seinen beständigen Ausdruck. Nun ist jeder 
der griechischen Gottheiten ein bestimmter geistiger Charakter eigenthümlich, 
welcher an bestimmten Theilen des Körpers in bestimmten Formen sich offen- 
baren muss. Dieser Theil in dieser Form ist Vorzugsweise der Träger der Idee; 
und dass er in seiner grössten Scharfe und Bestimmtheit erfasst werde, ist 
also die Grundbedingung, durch welche allein die Lösung der künstlerischen 
Aufgabe überhaupt möglich wird. Handelt es sich nun schon hier um etwas, 
welches zu bestimmen nicht der Willkür des Künstlers überlassen bleiben kann, 
sondern um etwas Gegebenes, in sich Nothwendiges, so sind in allen übrigen 
Theilen dem Willen des Künstlers noch weit engere Grenzen gezogen. Denn 
wo es sich um die Bildung organischer Geschöpfe handelt, ergiebt sich mit 
Nothwendigkeit aus der einen Form die andere, aus den einzelnen Formen das 
Ganze. Allein in der Welt der einzelnen Erscheinung will freilich, wie Aristo- 
telesl) sich ausdrückt, die Natur, d. h. die organische Naturkraft, organisch 
wirken, kann aber dieses Ziel nicht erreichen. Sie wird gehemmt und bedingt 
durch Zufälligkeiten, welche jedoch nicht das Gesetz der Bildung selbst auf- 
zuheben vermögen, sondern häufig noch dienen müssen, dasselbe zu bestätigen. 
Der Künstler dagegen, wenn er Ideale, Gestalten, in denen eine Idee verkör- 
pert erscheinen soll, bilden Will, darf sich durch alle diese Zufälligkeiten, welche 
die Natur in der Wirklichkeit begleiten, nirgends binden lassen; er muss zu
        

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