Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1196228
Die 
griech 
ische 
Kul 
ihre 
höchsten 
istigen 
Entwickelung. 
137 
keit zu entwerfen, welche ein solches Werk in Anspruch nahm. So viel leuchtet 
aber von selbst ein, dass auch das höchste poetisch-schöpferische Talent an 194 
diesen Aufgaben hätte scheitern müssen, wenn ihm nicht die vielseitigste prak- 
tische Ausbildung die Mittel an die Hand gegeben, den Gedanken in die passenden 
Formen einzukleiden. Dass Einzelnes noch hier und da einer Verbesserung 
fähig blieb, darf uns um so weniger wundern, als bei der complicirten Technik 
mancherlei sich erst durch die Erfahrung bewähren musste. S0 werden wir 
denn dem Phidias keinen Vorwurf daraus machen, dass an seinem Zeus etwa 
achtzig Jahre nach seiner Aufstellung eine Reparatur nöthig war. Wollen wir 
aber Strabotsl) Worte: Polyklets Xoanoa seien  päv räxvi; xciMwra wir 
vtoivrclw, im engsten Sinne auf die Technik beziehen, so ist auch hier zu be- 
denken, dass Polyklets Hera erst nach den Werken des Phidias entstanden ist. 
Die formelle Seite der künstlerischen Thätigkeit hat es theils mit der 
Erkenntniss der darzustellenden Gestalt an sich, theils mit der Darstellung dieser 
Gestalt in einem bestimmten Stoffe und für einen bestimmten Zweck zu thun. 
Doch lässt sich namentlich in letzterer Beziehung eine scharte Gränze zwischen 
Kenntniss der Form und Technik häufig kaum ziehen. Denn die Darstellung 
im Stoffe setzt die Kenntniss der Eigenschaften dieses Stoffes auch in sofern 
voraus, als dadurch die Form des Darzustellenden oft wesentlich bedingt und 
daher auch technisch wesentlich verschieden behandelt werden muss. So sprechen 
wir von Bronze-, von Marmortechnik, auch wo wir die durch den Stoff ver- 
anlasste Verschiedenheit der Modellirung im Auge haben. Diese Unterschiede 
aber finden wir in den guten Zeiten des Alterthums mit einer Strenge beob- 
achtet, von welcher die neuere Zeit kaum noch einen Begriff zu haben scheint. 
Was Phidias anlangt, so können wir freilich bei denrf Mangel sonstiger Nach- 
richten nichts weiter sagen, als dass die aus seiner Werkstatt hervorgegangenen 
Sculpttiren des Parthenon den strengsten Forderungen dieser höheren Marmor- 
technik in Behandlung des Nackten, wie der Gewänder, die vollste Genüge 
leisten.  Etwas mehr melden uns die Alten von der Weisheit des Phidias, 
seine Werke den1 bestimmten Zwecke, dem Orte der Aufstellung anzupassen, 
oder mit anderen Worten, von seiner Kenntniss der optischen und perspec- 
tivischen Gesetze. Lehrreich ist hier besonders die Erzählung von seinem Wett- 195 
streite mit Alkamenes. Sie ist uns zwar nur von Tzetzes?) überliefert, aber da 
ihr eine innere Wahrscheinlichkeit keineswegs abgeht, so nehmen wir keinen 
Anstand, sie wenigstens in den Hauptzügen als auf Thatsachen beruhend an- 
zuerkennen. Die Athener wollten einst zwei Bilder der Athene auf hohen Säulen 
errichten und bestellten dieselben bei Phidias und Alkamenes. Als sie fertig, 
aber noch nicht an dem bestimmten Orte aufgerichtet waren, gab das Volk der 
Statue des Alkamenes den Vorzug. Allein das Urtheil schlug plötzlich all- 
gemein zu Gunsten des Phidias um, als beide Statuen wirklich oben auf den 
Säulen standen. Ob die Statue des Phidias wirklich geöffnete Lippen, auf- 
geblasene Nasenlöcher hatte, wie Tzetzes sagt, mag hier unerörtert bleiben. Es 
genügt zu wissen, dass einzelne Theile, die früher fehlerhaft erschienen waren, 
durch den veränderten Standpunkt sich dem Ganzen harmonisch einfügten, und 
VIII, 
372. 
VIII, 
193.
        

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