Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1195946
Grössere 
Ausbreitung und Streben nach freier Entwickelung, von O1. 
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jeden besonderen Zweck eine grössere Sorgfalt entfaltete. „Es ist aber oft 
Vortheilhaft, an der festgesetzten und überlieferten Ordnung in der Rede etwas 
zu verändern; ja zuweilen ist dies das durchaus Passende, wie wir sehen, dass 
auch bei den Statuen und Gemälden in Haltung, Gesichtszügen, und Stellung 
Abwechslung erstrebt wird. Ein regelmässig aufrechtstehender (rectum) Körper 
Inöchte leicht aller Anmuth bar sein: denn das Antlitz müsste gradaus blicken, 
die Arme herabfallen, die Füsse geschlossen sein, und von oben bis unten wäre 
das Werk starr. Jenes Drehen und Wenden und, so zu sagen, Bewegen ver- 
leiht erst den Bildwerken eine gewisse Handlung. Deshalb werden die Hände 
nicht auf eine und dieselbe Weise geformt, und dem Gesicht verleiht man tausend 
Arten von Aussehen. In einigen Figuren erkennen wir Lauf oder Anstürmen, 
andere sitzen oder liegen; diese sind nackt, jene verhüllt; in andern ist beides 
gemischt. Was ist so verdreht und kunstreich durchgearbeitet, als jener Diskobol 
des Myron? Wenn nun aber jemand dieses Werk als zu wenig regelmässig 
missbilligen wollte, würde der nicht vom wahren Verständniss der Kunst ent- 
lernt sein, in welcher gerade jene Neuheit und. Schwierigkeit noch ihr ganz 
besonderes Lob verdienen?" So Quintilian 1). Ein Werk, wie der Diskobol hat 151 
also seine besondere Symmetrie, welche durch die Eigenthümlichkeit des Gegen- 
standes bedingt ist, eine andere ein Läufer, wie Ladas, wieder eine andere 
ein Faustkämpfer. Die veritas muss stets eine andere sein, und ebenso die 
Symmetrie; in der reichen Mannigfaltigkeit beider aber, verbunden mit einer 
sorgfältigen Berechnung je für den besonderen Zweck ist das Verdienst des 
Myron, ist sein Vorzug vor Polyklet begründet, dessen Werke trotz makelloser 
Reinheit, wie oben bemerkt wurde, paene ad unum exemplum gebildet schienen. 
Die hohe Vortrefflichkeit des Myron ist durch die bisher behandelten Zeug- 
nisse ausser Zweifel gesetzt; und wir könnten dadurch leicht verleitet werden, 
Sein Verdienst zu überschätzen, kämen uns nicht zwei Urtheile zu Hülfe, welche 
unsere Anerkennung auf das richtige Maass zurückzuführen geeignet sind. Es 
sind dies die schon einigemale angeführten vergleichenden Urtheile des Cicero 2) 
und Quintilian 3). Ersterer nennt die Werke des Kanachos starr, die des Kalamis 
zwar hart, aber doch weicher als die des Kanachos, die des Myron noch nicht 
hinlänglich der Wahrheit genähert, aber doch so, dass man nicht anstehe, sie 
Schön zu nennen; schöner endlich und nach seiner Meinung ganz vollendet 
findet er die Werke des Polyklet. In ähnlicher Reihenfolge stehen bei Quintilian 
Kallon und Hegesias, Kalamis, Myron, welchem im Verhältniss zu seinen Vor- 
gängern zwar eine grössere Weichheit zuerkannt, sein Platz aber doch nur unter 
Polyklet eingeräumt wird. Bei der WVürdigung dieser Urtheile in ihrem Ver- 
hältnisse zu denen des Plinius dürfen wir uns Wohl erlauben, in Betreff ihrer 
Auctorität einen Unterschied zu machen. PliIIlLIS theilt uns aus seinen vortreff- 
liChen Quellen (hier aus Varro, der indessen wieder aus griechischen Quellen 
schöpfte) ein wirkliches künstlerisches Kennerurtheil mit, die beiden Rhetoren 
halten sich mehr an das Urtheil des Kunstgeschmackes ihrer Zeit, mehr der 
ästhetischen, nicht streng künstlerisch gebildeten Kunstliebhaber. Daraus wird 
sich nun erklären, warum Cicero dem Myron die volle veritas noch nicht zu- 
Brut.
        

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