Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1195926
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Samen Moment, einen so feinen und doch so bestimmt abgegrenzten Ausdruck 
allein in der Bildung der Lippen auszuprägen? Gewiss nicht: an den Lippen 
Ktermag sich nur eben die letzte flüchtige Aeusserung dieses Hauches zu zeigen. 
Sollen wir aber diese in ihrer ganzen Bedeutung verstehen, so müssen Wir in 
ihr nur eine Folge der vorhergehenden Wirkung erkennen, Welche der Athem 
auf die gesarnmte Thätigkeit des tibrigen Körpers ausgeübt hat. Und dies War 
Wirklich der Fall bei Myroifs Statue des Ladas: 
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äiitpatvsi xoilcov Evöoüsv äx Äaydvmv. 
Man erkannte die grosse Anstrengung des Laufens, welche die Weichen 
Zusammenzieht und den Athern nach oben drängt, so dass er im Moment der 
höchsten Spannung ganz von den Lippen zu entweichen drohte. Der Ausdruck 
der höchsten Lebendigkeit beruhte also hier hauptsächlich auf dem scharfen 
Erfassen der )Vechselivirkung' aller Theile in einem einzigen Momente, in welchem 
die gesammte Lebensthätigkeit wie auf e i n e n Punkt zusaminengedrängt erscheint- 
 Ein ähnlihes Verdienst werden wir auch dem Diskobol zuzuerkennen keinen 
Anstand nehmen. Es würde sehr lehrreich sein, hier aber zu weit führen, dieses 
Werk einmal bis in das Einzelnste zu zergliedern. Davon jedoch können wir uns 
überzeugt halten, dass sich die Wirkungen der augenblicklichen Thätigkeit auch 
in der Bewegung des kleinsten Theiles wiederfinden würden, dass jede Be- 
Wegung die ist, welche sich aus den Gesetzen des menschlichen Organismus 
als Wirkung einer bestimmten Ursache mit Nothwendigkeit ergiebt. Wieweit 
Aehnliches bei Myron's Kuh der Fall War, können wir leider nicht nachweisen; 
dürfen indessen wohl vermutlien, dass der Eindruck der Lebendigkeit haupt- 
sächlich in dem Naturgemässen der Bewegung begründet war, in der Wendung- 
des Kopfes, des Halses, in der entsprechenden Stellung der Füsse u. s. w. 1). 
XVir haben unser Urtheil über Myron vorzugsweise aus den Nachrichten 151 
über einzelne seiner Werke festzustellen versucht, daneben sind uns aber noch 
einige Aussprüche erhalten, welche sich auf das Wesen seiner künstlerischen 
Thätigkeit mehr im Allgemeinen beziehen. Unter diesen hat namentlich eine, 
Stelle des Plinius 9) den Erklärern so bedeutende Schwierigkeiten verursacht 
dass die meisten sich genöthigt glaubten, den Knoten zu zerhauen, statt ihn zu 
lösen. Die NVorte lauten nach den besten Handschriften: Primus hic multiplicasse 
Veritateni videtur, numerosior in arte quam Polycletus et in symmetria diligentior. 
Da dieselben für sich betrachtet, so wie sie dastehen, einen ganz guten Sinn 
geben, so werden wir ohne dringende Noth nichts an ihnen ändern dürfen. 
Älyron soll also "zuerst die Wahrheit vervielfacht haben". Dafür las man früher 
niultiplicasse varietatem; aber „die Mannigfaltigkeit vervielfachen" ist ein Pleo- 
nasmus. Verstehen wir dagegen unter veritas die naturgemässe Darstellung 
eines Kunstwerkes im Allgemeinen, so wird von Myron gesagt, dass er diese 
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1) Leider schweigt Plinius, der bei Myroii einen Hund kurz erwähnt, über den 
Künstler der Hündin, welche ihre Wunde leckt, in der Celle der Juno des capitolinisclien 
Jnppiterteinpels, eines "Werkes, für welches,_ als ein wahres Wunder durch seine unglaub- 
liche Naturwahrheit, die Tempelwächter init ihrem Leben haften mussten (34, B8), Die 
Aufgabe würde ganz dein Geiste des Wyron entsprechen: allein ich verhehle es nicht. dass 
(licses Werk eben so gut einer Jagdscene des Lysipp entnommen sein lkonnt-c: in welcher 
namentlich die Verwundung ihre einfachste lilrklärung finden wurde. 3) 34, o8.
        

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