Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1195914
Bildhauer. 
druck nicht zur Darstellung (corporum tenus curiosus animi sensus non ex- 
pressisse). Diese mehr negativen Angaben gewähren uns die Möglichkeit, das 
149 Verdienst, welches wir so eben dem Myron zuerkannt haben, schärfer zu be- 
grenzen. Das Haar hat zwar in vieler Beziehung nur eine untergeordnete Be- 
deutung: dennoch aber liefert die Vernachlässigung desselben den Beweis, dass 
Myron nicht bei der Bildung jedes einzelnen Theiles nach jener oft äusserlichen, 
täuschenden Natürlichkeit strebte, welche den Stoff des Kunstwerkes vergessen 
machen möchte. Dass er deshalb überhaupt nicht von äusserlicher Natur- 
beobachtung ausgehen konnte, werden wir später noch nachdrücklicher hervor- 
zuheben Gelegenheit haben. Durch die zweite Angabe scheint Plinius anzu- 
deuten, dass die Kunst des Nlyron noch nicht auf dem Höhepunkte angelangt 
sei, wo in dem Ausdrucke des Kopfes, als des vorzüglichsten Körpertheils, das 
ganze innere YVesen des Menschen wie in einer Spitze vereint zur Anschauung 
kommt, wo in dem Ausdrucke des Kopfes auch die Bedeutung der Handlung 
des Körpers zusammengefasst erscheint.  Neben dieses Zeugniss des Plinius 
stellen sich nun aber zwei andere, die bei oberflächlicher Betrachtung" sich in 
offenem Widersprüche gegen dasselbe befinden. Der Auctor ad Herennium 1) 
"lobt, wie an den Werken des Praxiteles die Arme, an denen des Polyklet die 
Brust, so an denen des Myron vor Allem den Kopf. Und Petronius 9) urtheilt 
von Myron, dass er paene hominum animas ferarumque aere comprehendit. 
YVollen wir noch mehr, so dürfen wir nur den Kopf an der Copie des Disko- 
hols im Palaste Massimi zu Rom betrachten. "Das Gesicht ist eines der schönen, 
klugen und feinen attischen, deren man im Panathenaeenzuge des Parthenon 
so viele unter einander verwandte nicht müde wird zu betrachten. Der Aus- 
druck scheint auf die strenge Zucht vieler Palaestriten zu deuten, im Gegen- 
satze der weichlichen Jugend." Dieses Urtheil Welckers 3) wird gewiss jeder, 
der das YVerk selbst zu sehen Gelegenheit hatte, gern unterschreiben. In dem- 
selben liegt aber auch schon die Lösung des oben berührten scheinbaren Wider- 
spruches verborgen. Es ist nicht eine bestimmte Individualitätt, die uns in diesem 
Kopfe anzieht, ja zur Begeisterung hinreissen kann, sondern die Reinheit des 
Typus einer ganzen Klasse. Ja man kann noch weiter gehen und behaupten, 
150 es liege gerade darin für uns die Anziehungskraft, dass, bei dem Mangel eines 
bestimmten, individuellen Ausdrucks und bei der verhältnissmässig geringen 
geistigen Bedeutung der Handlung, dennoch in diesem Kopfe sich ein sehr hoher 
Adel ausspricht. Dieser beruht aber eben sowohl in der vollkommenen phy- 
sischen Ausbildung des Baues, als besonders noch in dem Hauche des Lebens, 
der alle Formen durchdringt. Animi sensus non expressit, aber animam aere 
comprehendit. Denn animus est quo sapimus, anima qua vivimus-l). Animus 
ist das geistige, anima das physische, animalische Leben. Erst jetzt werden 
wir auch richtig verstehen, was an der Statue des Ladas so bewundernswürdig 
befunden ward: nicht sowohl der geistige Ausdruck, als der Ausdruck des Le- 
bens, dessen letzter Rest nur noch als ein flüchtiger Hauch auf den Lippen zu 
schweben schien. 
Aber, müssen wir jetzt weiter fragen, ist es möglich, einen so bedeut- 
Denkm.
        

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