Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1195908
Ausweitung und Streben 
lach freie; 
ltwickelung, 
von O1. 
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treten aus dieser Klasse der Läiufer Ladas und der Diskobol hervor. Endlich 
ist das Alterthum voll von Bewunderung über die Thiere des Myron: Plinius 
findet einen Hund einer namentlichen Erwähnting' würdig, Properz preist die 
vier Stiere in Rom; gleichsam das Symbol seines Ruhmes aber war die Kuh. 
Auf Athleten und Thierbildungen müssen wir also bei der Beurtheilung" des 
Künstlers unser Hauptaugenmerk richten. Aber auch Pythagoras war berühmt 
durch seine Athleteniiguren, so dass er sogar den Myron durch eine derselben 
übertroffen haben soll. Kalamis glänzte wenigstens in der Bildung eines 
Thieres, des Pferdes. Fand sich also vielleicht in der Person des Myron das 
Verdienst seiner beiden Zeitgenossen vereinigt? Eine genauere Prüfung der 
Nachrichten über einzelne Werke, in Verbindung mit den Urtheilen öber seine 
Richtung im Allgemeinen, wird uns zeigen, dass wir es bei Myron mit einer 
neuen, Wesentlich verschiedenen Individualität zu thun haben, die, von andern 
Grundanschauungen ausgehend, auch zu andern Resultaten gelangen musste. 
Sechsunddreissig Epigrarnme sind uns erhalten, Welche sämmtlich die 
Verherrlichung der myronischen Kuh zur Aufgabe haben. Ueber die Stellung 
und die Bewegung erfahren wir freilich durch dieselben so gut wie nichts. 
Aber alle ,.preisen durchaus an ihr Wahrheit und Natürlichkeit, und wissen 
die mögliche Verwechselung; mit der Wirklichkeit nicht genug hervorzuheben. 148 
Ein Löwe will die Kuh zerreissen, ein Stier sie bespringen, ein Kalb an ihr 
Saugen, die übrige Heerde schliesst sich an sie an, der Hirt wirft einen Stein 
nach ihr, um sie von der Stelle zu bewegen, er schlägt nach ihr, er peitscht 
Sie, er tutet sie an; der Ackersmann bringt Kummet und Pflug sie einzuspannen, 
ein Dieb will sie stehlen, eine Bremse setzt sich auf ihr Fell, ja Myron selbst 
verwechselt sie mit den übrigen Thieren seiner Heerde" (Goethe). Namentlich 
wiederholt sich zur Bezeichnung des höchsten Lebens mehrmals der Ausdruck 
äymrovv, lebensvoll: das Werk schien athmen zu können. In ähnlicher Weise 
nennt Properz die Stiere auf dem Palatin vivida signa. Lesen wir weiter das 
Epigramm auf die Statue des Ladas, so heisst es wiederum: äynvoe Aotöa; ihm 
soll der Rest des Odems gleichsam nur noch auf den äussersten Lippen sitzen, 
und gerade, wie von der Kuh befürchtet wird, sie werde entlaufen, wenn sie 
nicht an der Basis befestigt wäre, so schien es, als wolle Ladas von der Basis 
herabspringen, um den Siegeskranz zu empfangen. Ein ganz ähnliches Gefühl 
aber haben wir selbst, wenn wir nur eine gute Wiederholung des Diskobolos 
anschauen: wir glauben den Moment erleben zu müssen, wenn er vorspringt, 
und der Diskos, wie der Pfeil von der Sehne des Bogens, seinem Ziele zufliegt. 
Hiernach müssen wir als das vorzüglichste Kennzeichen myronischer Kunst die 
lebensvollste Naturwahrheit betrachten. 
Während nun aber von seinem Nebenbuhler Pythagoras gerühmt wird, 
dass dieser Nerven, Adern und das Haar feiner ausgebildet habe, wodurch doch 
natürlich eine möglichst getreue Nachahmung der Natur luezweckt wird, be- 
riclitet Plinius 1) von Myron gerade im Gegentheil: er habe das Haar an Haupt 
und Schaam nicht vollendeter gebildet, als es im roheren Alterthum hergebracht 
gewesen sei; ferner, nur bedacht auf den Körper, habe er den geistigen Aus-
        

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