Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1195844
Srüssere 
Entwickelung, 
Ausbreitung und Streben nach freier 
V0n conventionellen Formen zu einer schärferen Berücksichtigung der natürlichen 
Verhältnisse zurückkehrte. Gerade je länger die ersteren damals gegolten 
hatten, um so grösser war die Gefahr der Ausartung, und in der That finden 
Wir theils in Wirklich alten, theils in nachgeahmt alterthümlichen Werken 
Uebertreibungen mannigfacher Art: die fleischigen, muskulösen Theile zeigen 
eine itbermässige Fülle und Rundung, die Gelenke und Extremitäten dagegen 
eine gesuchte und an Ziererei streifende Zartheit und Schlankheit. Solchen 
Erscheinungen gegenüber begreifen wir leicht, wie ein damaliger Künstler auch 
ohne eigentliche Theorie und Reflexion einzig durch eine unbefangene Be- 
Obachtung der Natur einer richtigeren Auffassung Eingang zu verschaffen im 139 
Stande sein musste. Waren aber auch die symmetrischen Verhältnisse strenger 
beobachtet, so blieb doch für die Vervollkommnung der Eurythmie noch ein 
weiter Spielraum; wir verweisen nur auf die aeginetischen Statuen und den 
Krieger des Aristokles, deren genauere Vergleichung auch in dieser Beziehung 
vielfach lehrreich sein würde. Um aber das Verdienst des Pythagoras gerade 
in dieser Beziehung richtig zu würdigen, ist uns jenes epigrammatische Lob 
von grosser Wichtigkeit, welches seinem hinkenden Philoktet ertheilt wird: dass 
der Beschauer den Schmerz der Wunde mitzutühlen glaube. Auf den ersten 
Blick mag es scheinen, dass es dabei vorzüglich auf den Ausdruck des Schmerzes 
im Gesicht angekommen sein müsse. Allein der Schmerz einer Fusswunde muss 
sich zunächst am Körper selbst äussern. Denn wo, wie hier, ein seiner Natur 
nach Wesentlich zum Tragen bestimmtes Glied gelähmt ist und der Schonung 
bedarf, da muss nothwendig auch die natürliche Harmonie in der Bewegung 
aller andern Glieder zerstört werden. Dafür aber bietet die Wunde wieder ein 
einheitliches Motiv für eine neue bedingte Harmonie, indem sie auf jede Be- 
wegung als bestimmende Ursache wirkt. Diese Wirkung aber ist es, welche 
dem Beschauer eindringlich vor die Augen treten muss, wenn er die Grösse des 
Schmerzes wirklich ermessen und sich dadurch zum Mitleiden angeregt tühlen 
soll. Hier hat also der Künstler vorzugsweise eine Aufgabe der Rhythmik zu 
lösen: er muss durch rhythmisches Stimmen aller Bewegungen nach dem einen 
gegebenen Grundmotive, aus der Disharmonie, welche dasselbe zunächst erzeugt, 
eine neue in sich einheitliche und abgeschlossene Harmonie entwickeln. Die 
Voraussetzung für die Lösung dieser Aufgabe bildet aber ein richtiges Verständ- 
niss des menschlichen Organismus überhaupt, des Grundverhältnisses aller Theile, 
sowie der Wechselwirkung, die sie unter gegebenen Verhältnissen auf einander 
ausüben; und dies ist nichts anderes, als was Diogenes durch Symmetrie und 
Rhythmus bezeichnet. 
Wir wenden uns jetzt zu den Lobsprüchen, welche Plinius dem Pythagoras 
wegen verbesserter Bildung einzelner Theile zuerkennt: dass er zuerst Nerven 
und Adern ausgedrückt und das Haar sorgfältiger behandelt habe. Den Aus- 
druck Nerven dürfen wir natürlich nicht in dem strengen Sinne auffassen, welcher 
heute dem Worte eigen ist: denn Nerven treten kaum irgendwo sichtbar an die 140 
Olaertläche des Körpers, welche darzustellen die Aufgabe des Bildners ist. Frei- 
lich werden wir auch die weiteste Bedeutung ausschliessen müssen, welche es 
nicht geradezu verbieten würde, selbst die Muskeln darunter zu begreifen; da- 
gegen spricht schon die Verbindung mit den Adern, durch Welche wir auf feinere,
        

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