Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1195771
Bildhauer. 
trefflichkeit in dieser Zeit der noch nicht vollkommen entwickelten Kunst, so 
werden wir nicht umhin können, uns den Künstler als eine lebendige, gewandte 
Persönlichkeit zu denken, welche, wenn sie auch noch nicht geistige Kraft genug 
besass, alle hemmenden Bande der Zeit zu sprengen, gewiss mit regem Sinne 
überall bestrebt gewesen sein wird, der Kunst in verschiedener Weise neue 
Reize zu verleihen. In wieweit und in welcher Richtung dieses bei Kalamis 
wirklich der Fall war, werden wir aus der Vergleichung verschiedener Nach- 
richten über ihn bestimmter zu beurtlieilen im Stande sein. 
Es ist eine in der Geschichte der Kunst häufig wiederkehrende Erschei- 
nung, dass, während die freie Darstellung des menschlichen Körpers noch durch 
geheiligte Satzungen gehemmt und gebunden ist, die Bildung der Thiere dem 
Höhepunkte der Vollendung schon weit näher steht. Hier, wo dem Künstler 
129 seine Freiheit unverkümmert gelassen ist, bietet sich ihm die Gelegenheit dar 
seine Kenntniss der Natur, der wirklichen Erscheinung in vollem Maasse zu zeigen. 
S0 ist es bei Kalamis der Fall. Seine Bosse sind semper sine aemulo expressi 1); 
sie sind von einer Vollkommenheit, welche sich über den Stand der damaligen 
Kunst weit erheben musste, wenn, wie Plinius berichtet, "auf ein Viergespann 
des Kalamis Praxiteles einen Wagenlenker von seiner eigenen Hand setzte, damit 
Kalamis, vorzüglicher in der Bildung der Bosse, nicht für unfähig bei der 
 menschlichen Gestalt gehalten werde." Wie reimt sich aber mit dieser Erzäh- 
lung das Urtheil, Welches Plinius unmittelbar daran anknüpft? „Aber damit 
er nicht bei der Darstellung der Menschen in der That schwächer zu sein scheine, 
so nenne ich seine Alkmene, die Niemand edler gebildet haben würde." Um 
diesen Widerspruch in den Worten des Plinius zu lösen, müssen wir das Lob 
genauer prüfen, Welches Lucian an zwei Stellen einem andern Werke des Kalamis, 
der Sosandra, spendet. In der ersten T) ist von dem Tanze einer Hetaere That's 
die Rede: „Diphilos lobte das Harmonische und Chormässige der Bewegung, 
dass der Fuss wohlstehe zur Cither, und wie schön der Knöchel sei, gleich als 
0b er die Sosandra des Kalamis preise und nicht diese That's, die du ja vom 
Bade her kennst." Auf welche Verdienste bei der Statue der Sosandra Lucian 
eigentlich ziele, ist hier nicht mit besonderer Bestimmtheit ausgesprochen. 
Nehmen wir jedoch die Aeusserung hinzu, dass That's, ziemlich unbesorgt um 
keuschen Anstand, ihr Gewand hoch aufnimmt, um ihren Fuss zu zeigen, dass 
eine andere Hetaere Philinna den Spöttereien über die Magerkeit ihrer Schenkel 
zu begegnen sucht, indem sie sich ebenfalls zum Tanze anschickt; so scheint 
dieser Schilderung gegenüber das Wesen der Sosandra in einer anstandsvollen, 
keuschen uud züchtigen Haltung gesucht werden zu müssen. Und diese Auf- 
fassung bewährt sich als die richtige durch die Betrachtung der zweiten Stelle 
Luciansß), in welcher er nach Art der Caracci eine Frauenschönheit aus Bruch- 
theilen der berühmtesten Meisterwerke zusammensetzt. Dabei wird der Sosandra 
130 in folgender Weise gedacht: "Sosandra und Kalamis mögen dieses Ideal mit 
verschämter Züchtigkeit (aiöoi) schmücken, und das ehrbare und unbewusste 
Lächeln (iteröiagaa Usizväil xal Äslrpftög) sei nicht verschieden von dem ihrigen; 
1) Plin. 
Imagg. 6. 
71 
vgl. 
PrvP 
111, 
Ovid. 
Pont. 
IV 
meretr 
III,
        

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