Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Leben des Michelangelo Buonarroti
Person:
Condivi, Ascanio Eitelberger von Edelberg, Rudolf Valdek, Rudolph
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1410455
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1411870
LEICHENREDE DES B. 
VARCHI. 
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die Augen." Hierauf wird das Programm des Sermons entwickelt 
und vorgelegt. Auf pag. 11 beginnen die biographischen Nach- 
richten in folgender Weise: 
„Seinem Vater Lodovico, welcher von der sehr alten und 
edelsten Familie der Grafen von Canossa abstamrnte, wurde von 
seiner ehrenwerthen und würdigen Gemahlin unter dem glücklichsten 
Sterne in Casentino, wo er eben Podesta war, dieser gesegnete 
Sohn in der Sonntagsnacht am 6. Tag des Märzes, des Jahres 
unseres Heiles 1474, um die achte Stunde geboren. Da er mit 
mehrerer Sorge auf den Adel seiner Vorfahren als auf seine gegen- 
wärtigen beschränkten Verhältnisse blickte, entschloss er sich, den- 
selben den Wissenschaften zu Widmen, weil er seit den ersten und 
zartesten Jahren die Grösse seines alle Dinge umfassenden Genius 
erkannte. Wenngleich dieser nun unter dem Meister Francesco 
da Urbino, seinem Lehrer, nicht wenig in den Anfangsgründen 
des Studiums prolitirte, so wurde er doch vom lltltüfllChCn 
lnstincte geleitet, und gebrauchte, seinem glücklichen Genius 
folgend, die Feder mehr zum Zeichnen als zum Schreiben, 
wobei er nicht Fratzengesichter entwarf, wie die Kinder zu thun 
pflegen, sondern Figuren. Jene, die es wissen, sagen, dass er 
seit frühester Kindheit, wenn er das ABC lesen lernte, sich 
auf seiner Tafel des Stäbchens bediente, um die Buchstaben 
nachzubilden, nicht um daraufzuzeigen. Der Vater, ein guter 
Mann, welcher (wie die meisten guten Leute zu sein pflegen) 
in den Dingen der Welt geringe Gewandtheit besass, hatte, 
indem er keinerlei Beruf ausübte, ein kleines Einkommen 
und grosse Familie. Er erkannte, dass gegen den Willen des 
Himmels von Seite der Menschen nichts geschehen kann und 
kein Widerstand geleistet werden dürfe, und fasste daherbei sich 
selber einen Entschluss. Er hatte aus vieler Erfahrung bemerkt, 
dass der Knabe viel lieber in die Kirchen ging, um die Malereien 
imchzuzeichnen, als in die Schulen, um Grammatik zu lernen, 
ebenso, dass er häufig aus der Schule lief, um dahin zu gehen, wo 
er Malen zusah, dass er viel lieber sich mit Jenen übte, welche 
zeichneten, als mit Denen, welche studirten. Er sammt seinen 
Oheimen, welche sich ob einer solchen Kunst entsetzen, gleichsam 
als wenn das Malen nichts Anderes wäre denn Mauerbeklecksen, 
schalten und schlugen ihn oftmals vergebens; endlich brachte er
        

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