Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Abhandlungen und Forschungen zur niederländischen Kunstgeschichte
Person:
Riegel, Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1205002
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1206009
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Zur Natur und Geschichte der holländiscl 
Kunst. 
Malerei des sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts lehnen 
diese Darstellungen jedes Streben nach stylistischer Anordnung 
und klassischer Formenvollendung ab und suchen den Gegen- 
stand, rein thatsächlich, im Sinne charakteristischer und realisti- 
scher Kunstrichtung auszugestalten. Da hierin unzweifelhaft ein 
Gegensatz gegen die katholische Auffassung liegt, und da Rem- 
brandt Protestant war, so hat man gemeint, jene Darstellungen 
seien eigentlich Denkmäler protestantischer Kunst und als solche 
von der grössten kunstgeschichtlichen Bedeutung. Wenn ich 
nicht irre, ist diese Ansicht zuerst von Ernst Guhl ausge- 
sprechen 1), aber sie ist von den Nachsprechern stark übertrieben, 
und hierdurch ist der Sachverhalt mehrmals schon gänzlich 
verschoben worden. Denn aus der religiösen oder gar kon- 
fessionellen Gesinnung Rembrandtls ist die künstlerische 
Eigenthümlichkeit dieser Darstellungen nicht zu verstehen. 
Diese erklärt sich vielmehr nur, und zwar aufs einfachste, aus 
der ganzen Kunstrichtung der holländischen Malerei. Was 
wir überall sehen, beim Bildniss, bei den Landschaften, bei 
den Gattungsbildern, es ist auch hier wirksam: die Elemente 
der Charakteristik und der Stimmung, getragen durch die 
unmittelbarste Anlehnung an die Wirklichkeit, und unbeeinflusst 
durch irgend ein Streben nach formaler Schönheit Dass das 
letztere auch hier gänzlich fehlt, und dass an Gestalten, wo 
wir schöne Formen zu sehen gewohnt sind, oft die sonder- 
barsten Hässlichkeiten und Gewöhnlichkeiten vorkommen, 
beweisen gerade eben Rembrandfs neutestamentliche Darstel- 
lungen aufs deutlichste. Diese Darstellungen liegen also ganz 
innerhalb der itatürlicluen Grenzen der nationalen Malerei in 
Holland. Aber es ist wahr, dass fihnen ein Zug dichterischer 
Erfindung eigen ist, der sich sonst in den Werken der hollän- 
dischen Malerei nur selten findet und der allein dem Genius 
des grossen. Meisters entstammt. Aber auch dieser Zug hat 
mit der Religion oder gar mit der Konfession nichts zu thun. 
Man blättre doch nur einmal, was man ja an vielen Orten 
leicht kann, die neutestamentlichen Radirungen Rembrandfs 
durch: wo ist da irgend ein Anhalt, um diese Werke konfes- 
Künstlex 
Briefe. 
oder 
2_15f6 
Aufl. 
200-
        

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