Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Abhandlungen und Forschungen zur niederländischen Kunstgeschichte
Person:
Riegel, Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1205002
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1206194
Potten 
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welches den Namen „der junge Stier" trägt. Dieses hoffnungs- 
volle Rindvieh ist die Hauptperson des Bildes: es steht auf- 
recht in Lebensgrösse da und wendet den Kopf gegen den 
Beschauer. Neben ihm liegt eine Kuh, und ein Hirt lehnt 
sich gegen eine Eiche. Im Vordergrunde wie in dem weiteren 
Hintergründe sind andere Thiere zur Belebung der Fläche 
angebracht: ein Bild so recht aus dem Weideleben Hollands 
herausgegriffen, und mit einem solchen Scheine körperlicher 
Wirklichkeit auf die Leinwand hingezaubert, dass man betroffen 
ist. Aber man KYlfCl zur Bewunderung hingerissen, wenn man 
bemerkt. wie die eigenthümliche Beleuchtung und die Stimmung 
des Ganzen mit Entschiedenheit das Gefühl geben, dass hier 
Kunst und nicht Wirklichkeit ist. „Der Schein soll nie die 
WVirklicltkeit erreichen". Die Wahrheit dieses Dichterwortes 
emptindet man hier so recht lebendig,  und doch ist Alles 
so wirklich und so itatfirliclt. Dieser Potter war in der That 
ein grosser Künstler. und hier kann man die Geheimnisse der 
realistischen Malerei als Kunst zu begreifen suchen. In der 
blossen Naturwahrheit und Natürlichkeit an und für sich be- 
stehen diese Geheimnisse nicht. NVer will hier die Natur 
erschöpfen oder auch nur erreichen? S0 gross die Naturwahr- 
heit in den Werken der Holländer ist, Wie wenig kommen sie 
doch der Natur wahrhaft gleich? Man lege einen frisch ge- 
triebenen Grashalm aut die hellste VVlCSCHiIHSlChtl Man stelle 
ein lebendes Gesicht neben ein gemaltes! Nur sehr wenige 
Bilder werden hier wirklich eine ähnliche Mannigfaltigkeit, 
Frische, Lichtstärke und Lebendigkeit zeigen. wie die Natur 
sie hat. Aber ivas ist alle realistische Kunst, wenn nicht 
Wiedergabe des Lebens. des vollen, warmen und ganzen 
Lebens. Alles Andere wird, wenn es auch Gegenstände der 
belebten Natur recht „natürlich" darstellt, mehr oder weniger 
ivnftufe morte". Hier ist die Wurzel jener Geheimnisse. Wie 
Wenlge haben sie erkannt und wie Viele denken, schon durch 
blosse Nachmacherei der Natur künstlerische Realität zu er- 
reichen: den vollen Schein der lebendigen Wirklichkeit, um- 
woben und durchgeistigt von malerischen Stimmungen, und 
zugleich durchgeführt mit dem feinsten Sinn für Charakteristik, 
also für den Ausdruck von Temperament, Stimmung, Charakter.
        

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