Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Donatello, seine Zeit und Schule
Person:
Semper, Hans
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1406498
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1409099
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TRACTAT DES M. 
FRANCESCO BOCCI 
die schöne Lebendigkeit des heiligen Georg jene aller anderen 
neueren Statuen. Glücklich, sozusagen, im Gefühle ihres 
Werthes, überwältigend durch den edlen Ausdruck, bewunde- 
rungswürdig durch Beredsamkeit der Posen, übertrifft sie die 
Arbeiten sämmtlicher Künstler und vereinigt für sich den Bei- 
fall Aller. Mittelst jener Kraft und jenes Lebens, Welche über 
alle ihre Einzeltheile ausgegossen ward, scheint die Figur fast 
geneigt und bereit, in Worte die hohen Gedanken zu kleiden, 
die sie im Geiste und Gemüthe hegt. Wie hoch nun dies an- 
zupreisen sei, zeigte trefflich unser Dichter Dante hinsichtlich 
jener in Marmor gehauenen Figuren, die er mit so viel Leben- 
digkeit dargestellt gesehen zu haben erzählt, dass sie alles An- 
dere als zu schweigen schienen. Er sagt, indem er vom Erz- 
engel Gabriel und zunächst von Maria spricht: 
Sie stand vor uns, in Marmor eingegraben, 
S0 wahrllcitstreu da, und so voller Würde, 
Dass sie kaum glich noch einem stummen Bi 
Gcschxlvorcn hätte man, sie sage: Ave! 
ldc. 
Aus solchen Worten aber geht deutlich hervor, wie sehr 
diesem vorzüglichen Dichter daran lag, das Lebendige an der 
Kunstleisttlng hervorzuheben; denn er nahm von den übrigen 
Eigenschaften gar keine Notiz und verherrlichte nur diesen 
Vorzug als denjenigen, der vor Allem den Statuen Licht, Glanz 
verleiht, und drückte diese Ansicht in anmuthiger Weise aus. 
Und eben solches Lob gebührt dem heiligen Georg, an dem 
man Lebendigheit erkennt, die Handlung begreift, die Bewegung 
der Gliedmassen entdeckt und fast, sobald nur der Gedanke 
an die vorHndliche Marmormasse auf einen Augenblick bei Seite 
gelassen wird, selbst das gesprochene Wort erlauscht, das uns 
zu erhabenen und überirdischen Empfindungen anregt. Es 
bleibt eine ausgemachte Sache, dass heutzutage die Kunstfer- 
rigkeit einen solchen Höhepunkt der Vollkommenheit, das Ur- 
theil der Menschen aber, besonders hier in Florenz, durch 
lange und reiche Erfahrung eine solche Schärfe erreichte, dass, 
sowie von Roscius erzählt wird, es habe in Rom keinen Comö- 
dianten gegeben, der ihm zusehend, so oft er fehlte, jeden
        

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