Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Donatello, seine Zeit und Schule
Person:
Semper, Hans
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1406498
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1409045
TRACTAT DES M. 
FRANCESCO 
BOCCHI 
203 
Damit wollte er aussprechen, dass der seiner Natur nach 
so abstossende und der, Schönheit so gegnerische Tod jenen 
Verstorbenen die Kräfte nicht soweit entzogen hatte, dass sie 
nicht, Dank dem fortgesetzten Ausdrucke von Lebendigkeit, 
auch nach dem Erlöschen schön geblieben wären. Um aber auf 
das zurückzukehren, was zu diesem Tractate eigentlich gehört, 
sei bemerkt, dass weder die Sculptur, noch auch die Malerei 
Alles wiederzugeben vermag, womit Lebendigkeit zu wirken 
pflegt. Da sie vielmehr nur den Ausdruck einer Handlung 
dem menschlichen Gebilde und seinen Gliedmassen aufprägen 
können, so hat manidahin zu trachten, dass dieselben dieser 
Handlung und der ganzen Figur entsprechen. So that es vor- 
trefflich und mit grossem Verständnisse Donatello bei der Statue 
des heiligen Georg, deren prächtige, heroische, ja göttliche 
Formen derart lebendig wirken, dass sie sich zu irgend welcher 
edlen und ausgezeichneten Handlung in Bewegung zu setzen 
scheinen. Es ist hier kaum noch nothwendig, diesen Vorzug 
an der Statue näher nachzuweisen, da derselbe sich derart selbst 
offenbart, dass Jene, welche so viel Lebendigkeit ausgeprägt 
sehen, nur bewundern und fast eine noch weitere Wirkung 
solcher Lebendigkeit durch irgend welche Handlung zu er- 
warten scheinen. Ob dieses Vorzuges ward von vielen Schrift- 
stellern die Venus des Praxiteles viel gepriesen, die so leben- 
dig erschien, dass sie einen Jüngling zu einem lasciven und 
obscönen Acte verführte. Doch die an der Statue des heiligen 
Georg aiusgeprägte Lebendigkeit ist solcher Art, dass sie das 
Gemüth erhebt, und indem sie durch so viel hervorragenden 
Werth hohe Gedanken und edle Bestrebungen erweckt, beweist 
sie gleichzeitig, dass das Werk weder wegen der Technik, noch 
wegen der Idee irgend welchem andern nachsteht. Ja, es gibt, 
meiner Ansicht nach, nur wenige Arbeiten, welche in gleichem 
Grade Ausdruck und Lebendigkeit vereinigt zeigen; denn, so 
schwer ist es, eine jede dieser beiden Eigenschaften für sich 
zum Vorschein zu bringen, dass ein Werk schon durch eine 
derselben bewunderungswürdig wird. Noch mehr aber scheint 
Alexander der Grosse verlangt zu haben, welcher, sein von 
Apelles gemaltes Ebenbild prüfend, erkannte, dass das Werk, an 
und für sich, wegen Mangel an Ausdruck, weder werthvoll,
        

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