Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Donatello, seine Zeit und Schule
Person:
Semper, Hans
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1406498
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1408922
TRACTAT DES M. FRANCESCO BOCCHI etc. 
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darum, weil jeder Theil an ihr, sowohl an und für sich ge- 
nommen, als auch mit Beziehung auf die übrigen Theile, schön 
und nicht blos vom Standpunkte der Kunst, sondern auch von 
jenem der Natur aus bewunderungswürdig erscheint, und von 
letzterer gleichsam approbirt wird. Damit aber Weder im Ge- 
sichte, noch im Seelenausdrucke eine Ungleichheit zum Vor- 
scheine käme, welche (wie ich denke) immer Hässlichkeit er- 
zeugt, vertheilte der Künstler die Ausdruckshoheit des Antlitzes 
auch auf alle übrigen Theile des Körpers und verband und 
zergliederte sie gleichzeitig in unglaublich schöner Weise. Und 
in Wahrheit: wer das Werk genau betrachtet, wird ohne 
Zweifel erkennen, dass Arme, Kopf, Hände, Beine, Füsse und 
Brust so künstlerisch, so vortrefflich mit einander harmoniren 
und so ausgezeichnet dem Gesichte entsprechen, dass, selbst 
wenn ein Theil vom anderen getrennt oder abgebrochen werden 
sollte, er dennoch als ein Glied eines tapferen, kriegerischen 
und hochgesinnten Mannes erscheinen würde. Der Philosoph 
verlangt in seiner „Poetik", die Schriftsteller mögen sehr dar- 
auf sehen, dass der Ausdruck der Gedichte ein berechtigter, 
und dem, was wahr oder wahrscheinlich ist, entsprechender 
sei; man erkennt nun deutlich, dass dieses Gesetz von Dona- 
tello beim heiligen Georg mit hohem Verständnisse befolgt 
ward, da hier alle Gliedmassen in massvoller Uebereinstimmung 
mit dem Ausdrucke harmoniren, und jedes von ihnen nicht 
nur zum anderen passt, sondern zu demselben, förmlich natur- 
gemäss, nothwendig gehört. Das muss uns zum sprechenden 
Zeichen dienen, dass die Statue selbst, sowohl Wegen ihrer ein- 
zelnen Theile als auch wegen ihres Ausdruckes, vollkommen 
und bewunderungswerth ist. Sieht man dieselbe an, so entsteht 
in uns nicht blos kein Unbehagen, sondern vielmehr ein ange- 
nehmes Gefühl, denn der Anblick der Schönheit, verbunden 
mit Lebhaftigkeit, erhebt uns fast mit Gewalt zu derselben Em- 
pfindung, welche an der Statue so vortrefflich ausgedrückt ist. 
Ausserdem, wie es im gewöhnlichen Verlaufe der Dinge ge- 
schieht, dass, wenn uns ein Mann begegnet, dessen Person zwar 
kräftige und männliche Formen nachweist, dessen Stirne aber 
einen niedrigen und feigen Ausdruck bietet, er uns Langweile 
und Verdruss bereitet und uns durchaus keine grossherzigen
        

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