Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Donatello, seine Zeit und Schule
Person:
Semper, Hans
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1406498
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1408860
TRA CTAT 
DES M. 
FRANCESCO 
BOCCHI etc. 
185 
Gesinnungen, welche selbst allerdings durch keinen Stoff dar- 
gestellt werden können, dennoch aber Wirkungen erzeugen, 
die es ermöglichen, dass man, wie Petrarca sagt, das Herz auf 
der Stirne lese. Doch kann es mitunter auch vorkommen, dass 
Dasjenige, was bei Menschen bald mittelst der Gliedmassen, Be- 
weguxigen und Worte derselben, bald auf ihrer Stirne zum 
Ausdrucke gelangt, das Gesagte theilweise nicht bestätige, und 
dass die Ausdrucksarten des Antlitzes den Worten, jene des 
Körpers dem Gemüthe nicht entsprechen.     Wohl ist es wahr, 
dass eine kleine und hagere Statur mit dem Ausdrucke, der ja 
im Antlitz sich ausprägt, nichts zu schaffen hat; dennoch be- 
nimmt uns eine solche den Glauben, dass dahinter irgend welche 
Kraft vorhanden sei; so auch, wo eine gewisse Majestät der 
ganzen Erscheinung fehlt. Darauf nun verwenden die Künstler 
ihr ganzes Studium, und sobald nur Spuren des Höheren auf 
dem Antlitze vorhanden sind, fügen sie aus Eigenem bei, da- 
mit dieser innere Werth auch an der äusseren Gesammterschei- 
nung erkannt werde. Es hat Einige gegeben, auf deren Antlitz 
während ihres ganzen Lebens derselbe Ausdruck bemerkt wurde, 
wie man dies von Sokrates vielseitig behauptet. Bei diesen, 
glaub' ich, dürften die von den Malern und Bildhauern zu 
nberwindenden Schwierigkeiten leichtere sein als bei Solchen, 
welche fortwährend von vielen und verschiedenen Gedanken 
oder Empfindungen, innen beschäftigt, gleichsam auch mit 
vielen und verschiedenen Ausdrucks-Schattirungen im Antlitze 
wechseln. Aehnliches ward, wie Plutarch erzählt, bei Deme- 
trius, einem der Nachfolger des Alexander, bemerkt; denn auf 
dem Antlitze dieses grossen Königs war nicht nur Anmuth, 
sondern gewöhnlich auch Ernst und Strenge, und zwar so ab- 
wechselnd ausgedrückt, dass von den vielen Malern und Bild- 
hauern, welche ihn abzuconterfeien versuchten, es keinem, trotz 
aller Mühe, jemals gelang, ihn vollkommen getroffen wieder- 
zugeben. Indem nämlich die eine oder die andere dieser Aus- 
drucks-Schattirtmgeu, sei es dem Pinsel, sei es dem Meisscl, 
sich entzog und des Künstlers Aug' und Hand nicht mehr als 
eine derselben auf einmal erfassen und vorbringen konnte, so 
erschien das Ebenbild auch minder ausdrucksvoll als das Ori- 
ginal und demselben nicht ganz ähnlich. Doch lässt sich darum
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.