Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Donatello, seine Zeit und Schule
Person:
Semper, Hans
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1406498
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1408489
BEMALTE 
SCULPTUREN DONATELLUS. 
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lenens. Aber man betrachte anderseits die  nicht trocken ge- 
lehrte  sondern lebendig empfundene anatomische Trefflich- 
keit dieser Glieder. Und selbst die Bewegung, mit der diese 
steifen Beine schreiten, drückt Adel aus. Das Haar, Welches ge- 
wandäihnlich den abgezehrten Leib umhüllt, ist bei möglichst 
lebendiger Nachahmung der Natur zugleich trefflich ornamental 
stylisirt. Das hagere, von edlem Schmerz zerrissene Antlitz ist 
gen Himmel gewandt; es besitzt eine wahrhaft dämonische Kraft, 
die von den kühnsten Linien und den wirkungsvollsten Etfecten 
unterstützt ist. Die im Gebet gefalteten Hände drücken eine 
grosse Innigkeit aus. Kurz, die Charakteristik der abgehärmten, 
büssenden Sünderin von ursprünglich edler Gemüthsart könnte 
nicht energischer und poetisch ergreifender gegeben sein. Der 
Poesie des Ausdrucks muss bei Donatello selbst die glatte, ein- 
schmeichelnde Form Platz machen, die in der That, wo sie nicht 
dem poetischen Grundgedanken entspricht, nur Manierirtheit ist. 
Man könnte Donatello in gewisser Hinsicht den Wagner der 
Sculptur nennen; wie dieser es verschmäht, durch ohrengefällige 
Arien und Triller den wahren und ergreifenden Ausdruck der 
im Stoff liegenden und vorn Stoff geforderten Empfindung und 
Leidenschaft zu beeinträchtigen und zu verdrängen, so behan- 
delt auch Donatello stets die Form nur als Ausdrucksmittel 
und sichtbare Erscheinung  ja nicht etwa eines abstracten, 
reflectirten Gedankens, was schnurstracks seinem Princip zu- 
wider wäre  sondern eines bestimmt gearteten und beding- 
ten, von bestimmten Empfindungen, Leidenschaften, Absichten 
erfüllten Seelenwesens. In Bezug auf Donatellds Auffassung und 
Darstellung religiöser Figuren lässt er sich, wie wir schon andeu- 
teten, auch mit David Strauss vergleichen. Er streift das Trans- 
Cendentale, Mystische, Süsslich-weiche, das ihnen der gothische 
Idealismus gegeben, ab; er verwandelt die legendarischen, halb 
übstracten Wesen in begeisterte, entsagende, sich kasteiende, 
leidende Menschen. Die Figuren sind ihm nicht, sozusagen, 
Symbole der religiösen Ideen, sondern sie sind ihm davon er- 
füllte, erregte und dafür leidende Menschen. "S 
Donatello's Magdalena fand ihre Aufstellung in einer 
Nische zwischen dem südlichen und östlichen Portal des Bap- 
fisteriums, wo sie jetzt noch steht. Doch veränderte sie mehr- 
10"
        

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