Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Donatello, seine Zeit und Schule
Person:
Semper, Hans
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1406498
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1408352
JVLALDÄ. 
sirende Zugabe des Künstlers zu. Ein älterer Charakterkopf i: 
jedoch der eigentliche Gegenstand, wo sich die ganze objective, ir 
tuitive, psychologische Kraft eines Porträtisten bewähren kam" 
Ein älterer Charakterkopf ist ein unendliches System von ge 
danklichen und seelischen Verschlingutugen; die verschiedenster 
frohen und traurigen Schicksale sind darin eingegraben, Kämpfe 
Verzweiflungen, Siege haben darin ihre Spuren hinterlassen 
Trümmer von Jugendgefühlen stehen darauf n'eben gereiftem 
festem Sinn und düsteren Blicken auf das nahende Todes 
geschick. Und das Alles ist für den Porträtisten in Muskeln 
Knochen, Adern, Zügen, Blicken, wie mit klarer Schrift ge 
schildert und ihm bleibt nur das getreue, wenn auch sten0- 
graphische Abschreiben und Uebertragen in sein Material. 
Donatello stellte sich im Erfassen solcher complicirter in 
dividueller Systeme neben Griechen und Römer. Ja, wie die 
Alten überhaupt einfachere Charaktere hatten als schon dic 
Menschen der Renaissance, so zeigen auch Donatellds Porträt- 
köpfe ein reicheres, individuelleres Seelenleben als die aptiken. 
Donatello's Porträtkunst war der Culminationsptinkt seines 
Realismus. Dieser wie jene sind eine der interessantesten, weil 
so klaren und durchgreifenden Manifestationen des ganzen da- 
maligen Zeitgeistes. Dem Realismus des Donatello überhaupt 
lag zu Grunde die ganze damalige Zeitströmung, welche auf 
Bekämpfung des mittelalterlichen Dogmenwustes, Befreiung und 
Cultur des Menschengeistes und der Vernunft, wissenschaft- 
liche Erforschung der Natur ging. Ob auch später wieder die 
Kirche in Italien siegte, dennoch vertrat der Humanismus 
der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, der aus einem volks- 
thümlichen, interesselosen Streben nach Aufklärung hervor- 
ging, dieselben Principien wie der Protestantismus. Beide 
Wollten die Emancipation von der starren Herrschaft dogma- 
tischer Tyrannei; der Humanismus lehnte sich gegen die form- 
losen Hirngespinnste scholastischei" Philosopheme, der Protestan- 
tismus gegen die vernunft- uhd sittenlosen Machtgebote kirch- 
licher Dogmen auf. Humanismus wie Protestantismus waren 
aber wieder nur Abzweigungen des Dranges der Völker nach 
moderner Freiheit gegenüber den mittelalterlichen Satzungen 
und Privilegien überhaupt. In Florenz zumal standen Huma-
        

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