Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Donatello, seine Zeit und Schule
Person:
Semper, Hans
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1406498
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1407991
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STATUEN FÜR 
DIE 
N1 SCHEN etc. 
herabgebeugt, stösst mit aller Kraft dem Drachen die Lanze in 
den Rachen. Die Bewegung des Reiters ist ganz besonders edel 
und herrlich in den Linien. Rechts steht eine weibliche Figur, 
die Hände zum Gebet faltend. Es ist die christliche Andro- 
meda, d. h. die kappadozische Prinzessin, welche der Perseus 
des Christenthums der Legende gemäss vom Drachen befreite. 
Ihre Bewegung, leicht schreitend, ist sehr zierlich und anmuthig, 
und in wahrhaft antiker Weise legt sich das leichte, vom Winde 
bewegte Gewand in charakteristischen und schönen Falten um deren 
Beine. Seitlich neben und hinter dieser Figur ist ein pilaster- 
geschmücktes Gebäude in noch etwas unsichererPe rsp e ctive dar- 
gestellt; ebenso sieht man hinter der Hauptgruppe perspectivisch 
eine Baum-Landschaft. 
Möglicherweise hat sich Donatello im Reiter an ein ähn- 
liches Motiv des Andrea Pisano auf einem seiner Reliefs am 
Glockenthurm gehalten (wo allerdings kein S. Georg, sondern 
ein reitender Bote auf sich bäumendem Pferde dargestellt ist). Dies 
wäre ein Beweis, dass er trotz seines Bestrebens nach indi- 
vidueller und ursprünglicher Belebung seiner Sculpturen und 
trotz seiner unerschöpflichen Erfmdungsgabe es doch nicht 
immer verschmähte, Motive seiner Vorgänger zu benützen, wo 
diese ihm einen entwicklungsfähigen, guten Keim zu enthalten 
schienen. Raphael selbst hat sich wiederum in seiner Hand- 
zeichnung, worin S. Georg's Kampf mit dem Drachen dar- 
gestellt ist, schwerlich ganz fern von Donatellds Beispiel ge- 
halten. Ja, gerade von Raphael liesse es sich mehrfach nach- 
weisen, dass er alte Motive wieder verwerthete und ausbildete; 
so in seinem Sposalizio. Das Hauptverdienst eines Künstlers 
besteht aber nicht darin, dass er im Einzelnen lauter völlig 
neue Motive vorführt, sondern darin, dass er ein einheitliches 
und lebensfähiges Ganze in seiner Composition darstelle. 
Muss nicht auch das neue Motiv, wenn nicht einem 
andern Kunstwerk, so doch der Natur entlehnt sein? Ja, um 
ein schon in einem Kunstwerk vorgefundenes Motiv wieder gut 
zu verwerthen, darf der Künstler es nicht in sein Kunstwerk 
aufnehmen, wie es ist, sondern so, wie es der erste Künstler 
in der Natur gesehen haben mochte. Aus dem schönen Motiv im 
Kunstwerk muss der es benützende Künstler das schöne Motiv
        

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