Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Donatello, seine Zeit und Schule
Person:
Semper, Hans
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1406498
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1407935
STATUEN FÜR DIE NISCHEN etc. 
sten Zug die Sprache der Empfindung zu lesen. Er muss im 
Stande sein, nicht nur die Gesetze des organischen Zusammen- 
hanges der Theile instinctiv zu befolgen, sondern auch aus einem 
Kern oder Princip  nicht abstracter, philosophischer Ideen 
 sondern menschlicher oder thierischer Empfindung alle 
Abzweigungen desselben als verwandte und begleitende Aeus- 
serungen davon in der entsprechenden Formsymbolik dar- 
zustellen. Wenn daher die Griechen ihrem olympischen Zeus 
einen Stirnwulst, ihren Medusenköpfen im Vatican tiefaus- 
gehöhlte Augen geben, so ist das noch lange keine ideali- 
stische Uebertreibung der Naturformen. Es ist eine Ueber- 
treibung um der Wirkung aus einer gewissen Distanz 
willen. Diese Uebertreibungen wurden durch die Ferne ver- 
ringert und waren gerade stark genug, um trotz der Distanz 
den Kunstwerken jenen Grad von individueller Charakteristik 
der Würde oder Schrecklichkeit zu geben, den der Künstler 
im Eindruck auf den Beschauer zu erreichen wünschte. Was 
hilft es,' wenn ich einer Statue Feinheiten gebe, die man an 
ihrem Standort nicht sieht? Nicht umsonst erschien es den 
Alten ohne Massen lächerlich, als Heliogabalus seine Sandalen 
mit geschnittenen Steinen besetzte, deren feine Arbeit für eines 
Jeden Auge verloren gingen. Wie ihre Statuen, so bildeten die 
Griechen bekanntermassen auch ihre Säulen nach optischen 
Rücksichten. Ist das Idealismus? Im Vorbeigehen bemerkt, mit 
diesem Worte treiben die Deutschen einen so verworrenen Un- 
fug, dass um desswillen allein sie den Spott verdienen; sie 
liebten, in den Wolken zu leben. 
Donatello befolgte diese optischen Principien der Alten, 
die er zuerst mit genialem Blick in denselben erkannt hat; 
einer der vielen Beweise, wie tief er in das Verstiindniss der 
Antike eindrang. Wo allerdings die Sculptur aufhört, monu- 
mentaler Schmuck zu sein, und anfängt, Salon- und Cabinets- 
kunst zu werden; da ist es für den Künstler freilich schwer, 
sein Kunstwerk nach solchen optischen Gesetzen zu stylisiren, 
weil es dann seinen Standort stets ändert. Donatello lebte noch 
in einer glücklichen Periode monumentalen Schaffens. 
Michelangelo soll vor der Statue des S. Marcus, nach- 
dem er sie mit Bewunderung lange betrachtet, ausgerufen
        

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