Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Donatello, seine Zeit und Schule
Person:
Semper, Hans
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1406498
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1407926
STATUEN FÜR DIE NISCHEN m. 
Wirkung dringendes Genie geführt haben. Ebenso wie man 
sagen kann, dass Weder vor noch nach ihm jemals ein Künstler 
gewesen sei, welcher die Antike mit gleicher Freiheit in ihren 
tiefsten Geheimnissen und Gesetzen verstanden habe, ebenso 
kann man anderseits sagen, dass er der Begründer der kräftigen 
Wirkung der Statuen des Renaissancestyls gewesen sei. Und wie 
sehr richtig sein Princip war, vor Allem eine möglichst voll- 
kommene Wirkung der Statue, von welchem Standpunkt e; auch 
sei, zu erstreben, ist einleuchtend. Gibt doch die ganze Kunst j 
nichts als den Effect, den seelisch-sinnlichen Abglanz  
der Realität auf das Auge und das Gemüth des Menschen.  
Oder kann ein Künstler etwa wirklich Fleisch und Knochen  
nachschaffen oder auch nur die Form eines Naturgegenstandes  
in allen seinen Details? Weil ihm dies nicht möglich ist, ver- 
schliesst sich ihm desshalb auch die Möglichkeit, naturwahr 
zu sein? Nein!  er ist naturwahr, wenn er, mit welchen 
Mitteln es auch sei, seinem Kunstwerke eine Wirkung in 
Ausdruck und Form zu geben vermag, die derjenigen mög- 
lichst nahe kommt, welche auf eine bestimmte Distanz der dar- 
gestellte Naturgegenstand selbst machen würde. Ein Künstler 
kann desshalb grosser Realist sein und dennoch in der Aus- 
arbeitung seines Werkes ganze Partien nur als einheitliche 
Masse behandeln, die in der Natur in unendliche Details zer- 
fallen. Er wird Realist sein, wenn er die charakteristischen 
Partien, Schatten, Flächen, Zuge, Feinheiten als klar verstanden 
und mit freudiger Künstler-Etnphndung aufgefasst wiedergibt 
und hervorhebt und sie mit derselben Weiche und Bestimmt- 
heit zugleich nebeneinander ordnet, wie sie in der Natur sich 
mit einander verbinden und gliedern. 
Ein Kilnstler jedoch, der die Natur auch mit unendlichem 
lileiss in's kleinste Detail nachahmt, ist noch lange kein Realist, 
wenn die Gesammtwirkung seines Werkes todt, kalt, leb- und 
geistlos ist, wenn es nicht, wie das Leben selbst, spricht und 
aus allen Zügen heraus einen Gedanken, ein Gefühl zugleich 
ausstrahlt. 
Ein Künstler, um Realist zu sein, bedarf vor Allem des 
natürlichen Genies, mit Lmfehlbarem Instinct das Leben gleich- 
Sam wie einen Krystall zu durchschauen, in jedem verborgen-
        

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